ADHS-Symptome bei Mädchen

ADHS-Symptome bei Mädchen werden oft übersehen

Du beobachtest, dass deine Tochter anders ist – aber nicht auf die „klassische ADHS-Art“. Sie stört nicht im Unterricht, rennt nicht herum, ist nicht aggressiv. Stattdessen wirkt sie verträumt, vergesslich, emotional überfordert. Und trotzdem fragst du dich: Könnte das ADHS sein?


Inhaltsverzeichnis


Warum dieses Thema so wichtig ist

Die Diagnose ADHS wird bei Jungen 4- bis 9-mal häufiger gestellt als bei Mädchen (KIGGS-Studie). Aber das bedeutet nicht, dass Mädchen seltener betroffen sind. Im Erwachsenenalter gleichen sich die Zahlen an – was darauf hindeutet, dass viele Mädchen in der Kindheit einfach übersehen werden.​

Das hat weitreichende Folgen: Mädchen mit unerkanntem ADHS entwickeln häufiger Depressionen, Angststörungen und ein tiefes Gefühl des Versagens. Sie leiden still, während um sie herum niemand versteht, warum das Leben für sie so viel schwerer ist als für andere.​

Wenn du hier bist, weil du dir Sorgen um deine Tochter machst – dann bist du bereits auf dem richtigen Weg. Denn das Erkennen der ADHS-Symptome ist, gerade bei Mädchen, der erste, wichtigste Schritt.

Das Grundproblem: ADHS wurde an Jungen erforscht

Einer der Hauptgründe, warum ADHS bei Mädchen übersehen wird, ist erschreckend simpel: Die Diagnosekriterien wurden überwiegend an Jungen entwickelt. Die klinischen Studien, auf deren Basis die heutigen Bewertungsskalen erstellt wurden, nahmen überwiegend männliche Probanden auf.

Das Ergebnis: Die Kriterien sind auf sichtbare Hyperaktivität und störendes Verhalten ausgerichtet – also genau die Symptome, die bei Jungen häufig auftreten. Auffälligkeiten wie ausgeprägtes Tagträumen, verlangsamtes Arbeitstempo oder emotionale Überempfindlichkeit sind weniger berücksichtigt.

Deine Tochter fällt also möglicherweise durch ein diagnostisches Raster, das für sie gar nicht gemacht wurde.

Wie zeigt sich ADHS bei Mädchen? Die drei Hauptunterschiede

1. Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild

Während bei Jungen oft der hyperaktiv-impulsive Typ dominiert, zeigen Mädchen deutlich häufiger das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild.

Das bedeutet konkret:

Verträumtheit

Deine Tochter scheint oft „weggetreten“, verliert sich in Gedanken, ist mit den Gedanken woanders.

Langsames Tempo

Sie braucht für Aufgaben deutlich länger als andere Kinder, nicht weil sie faul ist, sondern weil ihre Aufmerksamkeit ständig abdriftet​.

Vergesslichkeit

Termine, Hausaufgaben, Verabredungen – alles wird vergessen, nicht aus Absicht, sondern weil es einfach „verschwindet“.

Desorganisation/Unordnung

Ihr Ranzen ist chaotisch, ihr Zimmer auch, und sie weiß selbst nicht, wo ihre Sachen sind.

Diese Symptome stören den Unterricht nicht. Deine Tochter sitzt ruhig da, scheint zu träumen, und fällt niemandem negativ auf. Genau deshalb wird sie übersehen.​

2. Internalisierung statt Externalisierung

Ein zentraler Unterschied: Jungen mit ADHS richten ihre Probleme nach außen, Mädchen nach innen.​

Bei Mädchen siehst du:

  • Rückzug, Stille, Tränen
  • Selbstzweifel, Angst vor Versagen
  • Innere Unruhe statt äußerer Bewegung​

Bei Jungen siehst du:

  • Aggression, Wutausbrüche im Klassenzimmer
  • Störendes Verhalten, Regelverstöße
  • Sichtbare Hyperaktivität, Herumrennen

Deine Tochter leidet genauso intensiv – aber sie leidet leise. Sie bricht zuhause in Tränen aus, zieht sich zurück, zweifelt an sich selbst. Aber in der Schule? Da funktioniert sie. Sie passt sich an. Sie stört nicht.

3. Emotionale Überempfindlichkeit und soziale Schwierigkeiten

Mädchen mit ADHS sind oft hypersensibel und dünnhäutig. Sie nehmen alles sehr persönlich, fühlen sich schnell angegriffen, reagieren überempfindlich auf Kritik.​

Typische Beobachtungen:

  • Deine Tochter bricht bei kleinen Rückschlägen in Tränen aus
  • Sie interpretiert harmlose Bemerkungen als Ablehnung („Sie mag mich nicht!“)
  • Sie hat Schwierigkeiten, stabile Freundschaften aufzubauen – Freundschaften zerbrechen immer wieder
  • Sie zieht sich sozial zurück, spielt lieber allein​
  • Sie hat ein negatives Selbstbild, fühlt sich als Versagerin​

Diese emotionalen Symptome werden oft als Angststörung oder Depression fehldiagnostiziert, während das darunterliegende ADHS unerkannt bleibt.​

Die versteckten ADHS-Symptome bei Mädchen

Hyperaktivität gibt es auch bei Mädchen – aber anders

Die Annahme, dass Mädchen mit ADHS nicht hyperaktiv sind, ist falsch. Die Hyperaktivität zeigt sich nur anders:​

Nicht:

  • Herumrennen im Klassenzimmer
  • Auf Möbel klettern
  • Offensichtliches Stören

Sondern:

  • Übermäßiger Redefluss – deine Tochter redet ohne Pause, erzählt Geschichten, die kein Ende nehmen​
  • Innere Unruhe – ein ständiges „Gedankenkarussell“, Kopf voll mit tausend Gedanken gleichzeitig
  • Händekneten, Nägelkauen, Haare zwirbeln – subtile motorische Unruhe, die kaum auffällt
  • Schlafprobleme – Einschlafen dauert ewig, der Kopf kommt nicht zur Ruhe

Die Energie ist da – sie wird nur nach innen gerichtet oder auf unauffällige Weise gezeigt.

Impulsivität – auch bei Mädchen vorhanden

Auch Impulsivität zeigt sich bei Mädchen, oft aber sozial verträglicher:

  • Unterbricht Gespräche (aber wird dafür schneller zurechtgewiesen als Jungen)
  • Platzt mit Antworten heraus
  • Emotionale Impulsivität – plötzliche Wutausbrüche oder Weinkrämpfe, vor allem zuhause, nicht in der Schule
  • Spontane, unüberlegte Entscheidungen

Auch hier: Die Symptome sind da, aber sie werden gesellschaftlich weniger toleriert. Mädchen lernen früh, sich zusammenzureißen.

Der Kompensationseffekt: Warum intelligente Mädchen besonders lange übersehen werden

Hier wird es besonders tückisch: Je intelligenter dein Kind ist, desto länger kann es ADHS verbergen.

Wie Kompensation funktioniert

Mädchen mit ADHS entwickeln oft unbewusste Kompensationsstrategien:​

  • Sie strengen sich übermäßig an, um mitzuhalten
  • Sie verbringen stundenlang mit Hausaufgaben, während andere Kinder in 30 Minuten fertig sind​
  • Sie nutzen Checklisten, To-Do-Listen, Erinnerungen – alles, um nichts zu vergessen​
  • Sie passen sich extrem an die Erwartungen anderer an​
  • Sie versuchen, durch Hilfsbereitschaft, Kreativität und Leistungsbereitschaft ihre Schwächen auszugleichen​

Das Ergebnis der Kompensation: Nach außen wirkt deine Tochter unauffällig, vielleicht sogar erfolgreich. Ihre Noten sind okay. Sie funktioniert.

Aber der Preis ist hoch:

  • Chronische Erschöpfung – nach der Schule ist sie völlig fertig
  • Innere Anspannung – sie steht ständig unter Strom​
  • Kein Selbstwertgefühl – sie hat das Gefühl, nur durch enorme Anstrengung „mitzuhalten“​

Mit der Zeit wird diese Kompensation immer anstrengender. In der Pubertät, wenn die Anforderungen steigen, brechen viele Mädchen zusammen.

Die Rolle des IQ

Studien zeigen: Hochbegabte Mädchen mit ADHS werden am seltensten diagnostiziert. Sie sind intelligent genug, um ihre Defizite auszugleichen – aber die ADHS ist trotzdem da.​

Der IQ kann durch unbehandeltes ADHS sogar beeinträchtigt werden. Manche Untersuchungen zeigen, dass der IQ durch eine ADHS-Behandlung um bis zu 15-20 Punkte steigen kann, weil die vorhandene Intelligenz endlich „verfügbar“ wird.​

Die Rolle von Hormonen: Warum die Pubertät alles verschlimmert

Ein weiterer Faktor, der bei Mädchen eine entscheidende Rolle spielt: Hormone.​

Östrogen und Dopamin

ADHS ist eine Störung des Dopaminstoffwechsels im Gehirn. Und genau hier kommt Östrogen ins Spiel, denn Östrogen beeinflusst die Dopaminfreisetzung.

Das bedeutet:

Hoher Östrogenspiegel (z.B. in der ersten Zyklushälfte) → bessere ADHS-Symptome, mehr Fokus, stabilere Stimmung​

Niedriger Östrogenspiegel (z.B. vor der Periode, in den Wechseljahren) → deutlich schlechtere Symptome, mehr Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme​

Pubertät als Wendepunkt

In der Pubertät geraten die Hormone erstmals massiv durcheinander. Für viele Mädchen mit ADHS ist das der Zeitpunkt, an dem die Kompensation nicht mehr funktioniert:​

  • Die schulischen Anforderungen steigen
  • Hormonelle Schwankungen verstärken die Symptome massiv
  • Soziale Erwartungen werden komplexer
  • Die emotionale Belastung wird unerträglich

Viele Mädchen werden erst in der Pubertät oder sogar erst im Erwachsenenalter diagnostiziert – nachdem sie jahrelang gelitten haben.​

Die Folgen: Warum frühe Erkennung so wichtig ist

Unerkanntes ADHS bei Mädchen hat schwerwiegende Langzeitfolgen:​

Begleiterkrankungen

  • Depressionen – bis zu 50% der Erwachsenen mit ADHS entwickeln Depressionen​
  • Angststörungen – etwa 25% entwickeln Angststörungen​
  • Essstörungen – häufiger bei Frauen mit ADHS
  • Chronische Erschöpfung, Burnout
  • Somatisierungsstörungen – Kopf- und Bauchschmerzen ohne körperliche Ursache

Soziale und berufliche Folgen

Langzeitstudien zeigen, dass Mädchen mit unbehandeltem ADHS:

  • Häufiger soziale Schwierigkeiten haben und von Mobbing betroffen sind​
  • Öfter und früher ungeplant schwanger werden
  • Häufiger Opfer von Gewalt in Partnerschaften werden
  • Beruflich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben

Die gute Nachricht: Mit frühzeitiger Diagnose und Behandlung können diese Folgen vermieden werden.​

Wie kannst du ADHS bei deiner Tochter erkennen?

Achte auf diese Warnsignale:

Schulische Auffälligkeiten

  • Verträumtheit im Unterricht, „ist nicht bei der Sache“
  • Langsames Arbeitstempo, benötigt viel länger als andere
  • Flüchtigkeitsfehler trotz Intelligenz
  • Leistungen schwanken stark ohne erkennbaren Grund

Emotionale Auffälligkeiten

  • Schnell gekränkt, sehr sensibel
  • Häufige Tränen, schnelle Frustration
  • Starke Selbstzweifel, negatives Selbstbild
  • Angst vor Versagen oder Ablehnung

Alltagsauffälligkeiten

  • Vergisst ständig Dinge, Termine, Aufgaben
  • Chaotisches Zimmer, chaotischer Schulranzen
  • Verliert häufig Gegenstände
  • Braucht sehr lange für Hausaufgaben
  • Erschöpft nach der Schule

Soziale Auffälligkeiten

  • Schwierigkeiten, Freundschaften aufrechtzuerhalten
  • Sozialer Rückzug, spielt lieber allein
  • Fühlt sich oft missverstanden oder ausgegrenzt

Kompensationsverhalten

  • Strengt sich übermäßig an
  • Wirkt nach außen perfekt, aber innerlich gestresst
  • Nutzt viele Hilfsmittel (Listen, Apps, Erinnerungen)
  • Bricht zusammen, wenn Kompensation nicht mehr funktioniert

Die Dauer ist entscheidend

Einzelne Symptome bedeuten noch nicht automatisch ADHS. Für eine Diagnose müssen die Symptome über mindestens sechs Monate in mehreren Lebensbereichen auftreten und einen deutlichen Leidensdruck verursachen.​

Deine nächsten Schritte

Schritt 1: Systematisch beobachten und dokumentieren

Nutze die spezielle Checkliste für Mädchen (siehe PDF am Ende dieses Artikels), um über 4-6 Wochen systematisch zu beobachten:

  • In welchen Situationen treten die Symptome auf?
  • Wie häufig?
  • Wie stark ist der Leidensdruck?
  • Gibt es Kompensationsverhalten?

Schritt 2: Fremdeinschätzungen einholen

Sprich mit Lehrern, Erziehern oder anderen Bezugspersonen. ADHS-Symptome müssen in verschiedenen Umgebungen auftreten. Frage konkret:​

  • Wie ist die Aufmerksamkeit im Unterricht?
  • Wie verhält sich deine Tochter sozial?
  • Gibt es Auffälligkeiten bei der Arbeitshaltung?

Schritt 3: Bei bleibendem Verdacht zum Kinderarzt

Wenn Du nach wie vor den Verdacht hast, dass deine Tochter ADHS hat, dann wende dich am Besten an euren Kinderarzt. Auf diesen Schritt gehen wir unter Step 2 in unserer ADHS-Journey© ein.

Wichtig: Erwähne explizit, dass es um ein Mädchen geht und dass die Symptome möglicherweise untypisch sind. Bitte um eine geschlechtsspezifische Betrachtung.

Spezielle 📄 Checkliste ADHS bei Mädchen

Kostenlos zum Download

Lade dir jetzt die kostenlose, geschlechtsspezifische ADHS-Checkliste herunter. Sie enthält:

✓ Alle typischen Symptome bei Mädchen – strukturiert nach Bereichen

✓ Raum für deine Beobachtungen über 4-6 Wochen

✓ Hinweise auf Kompensationsverhalten

✓ Vorbereitung auf das Facharzt-Gespräch

✓ Besondere Erklärungen zu hormonellen Einflüssen

Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte

ADHS bei Mädchen wird oft übersehen, weil:

  1. Diagnosekriterien an Jungen entwickelt wurden
  2. Mädchen häufiger das unauffällige, unaufmerksame Erscheinungsbild zeigen
  3. Sie ihre Probleme internalisieren statt externalisieren​
  4. Sie Kompensationsstrategien entwickeln, die die Symptome verbergen
  5. Gesellschaftliche Erwartungen Mädchen dazu bringen, sich anzupassen​
  6. Emotionale Symptome als Angst oder Depression fehldiagnostiziert werden

Typische Symptome bei Mädchen:

  • Verträumtheit, Tagträumen
  • Langsames Arbeitstempo
  • Emotionale Überempfindlichkeit
  • Sozialer Rückzug
  • Innere Unruhe (statt äußerer Hyperaktivität)
  • Übermäßige Anpassung und Kompensation
  • Chronische Erschöpfung

Wenn deine Tochter leidet – wenn sie sich selbst als Versagerin fühlt, wenn Freundschaften zerbrechen, wenn sie nach der Schule erschöpft zusammenbricht – dann nimm das ernst.

Du bist nicht überempfindlich. Du bildest dir nichts ein. Dein Bauchgefühl als Elternteil hat oft Recht.​

ADHS bei Mädchen ist real, es ist häufig – und es ist behandelbar. Mit der richtigen Unterstützung kann deine Tochter ein erfülltes, erfolgreiches Leben führen. Aber der erste Schritt ist: Erkennen.​

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann meine Tochter ADHS haben, obwohl sie gute Noten hat?

Ja, absolut! Viele Mädchen mit ADHS haben gute bis sehr gute Noten, weil sie enorm viel Energie in Kompensation investieren. Schulische Leistung ist kein Ausschlusskriterium.

Ist ADHS bei Mädchen seltener als bei Jungen?

Nein. Im Erwachsenenalter sind Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen. Das deutet darauf hin, dass Mädchen in der Kindheit einfach übersehen werden.​

Kann sich ADHS in der Pubertät plötzlich verschlimmern?

Ja. Hormonelle Schwankungen in der Pubertät können ADHS-Symptome massiv verstärken. Viele Mädchen, die vorher kompensierten, geraten in dieser Phase in eine Krise.​

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADS bei Mädchen?

Die Begriffe ADS (ohne Hyperaktivität) und ADHS werden heute nicht mehr als separate Störungen gesehen. Stattdessen spricht man von ADHS mit vorwiegend unaufmerksamem Erscheinungsbild, was bei Mädchen deutlich häufiger auftritt.

Sollte ich auf die Diagnose warten oder schon vorher etwas tun?

Du kannst schon jetzt viel tun:

Dich über ADHS informieren (was du gerade tust!)

Struktur und Routinen zuhause etablieren

Positive Verstärkung nutzen – lobe konkret und häufig

Verständnis zeigen – deine Tochter kämpft, auch wenn es nicht sichtbar ist

Selbstwert stärken – sie ist nicht faul, dumm oder unfähig

Du hast jetzt einen umfassenden Überblick über ADHS-Symptome bei Mädchen. Die nächsten Schritte:


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).