Unterschiedliche ADHS-Typen

Welche unterschiedlichen ADHS-Typen gibt es?

ADHS ist nicht gleich ADHS. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn dein Kind die Diagnose erhalten hat. Je nachdem, welche Symptome bei deinem Kind im Vordergrund stehen, wird zwischen verschiedenen Typen oder Erscheinungsformen unterschieden. Diese Unterscheidung hilft dir zu verstehen, was dein Kind genau durchlebt, und ermöglicht es dir, gezielter zu unterstützen.


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Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 unterscheidet drei Präsentationsformen von ADHS, die jeweils ihre eigenen Besonderheiten haben. Verstehen zu können, in welche Kategorie die ADHS deines Kindes fällt, öffnet die Tür zu besserem Verständnis und effektiverer Unterstützung im Alltag.

Der unaufmerksame Typ (ADHS-I): Das „träumerische“ Kind

Der unaufmerksame Typ wird oft übersehen, weil die Symptome weniger auffällig sind. Während hyperaktive Kinder in der Klasse herumzappeln und ständig unterbrechen, sitzt dein Kind möglicherweise ruhig am Platz – nur dass es gerade nicht wirklich „dabei“ ist. Diese Kinder verlieren sich leicht in ihren Gedanken, sind leicht abzulenken und haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit längere Zeit bei einer Aufgabe zu halten.

Merkmale des unaufmerksamen Typs

Die Symptome bei ADHS-I äußern sich oft so: Dein Kind vergisst Dinge, verliert häufig Schulsachen oder persönliche Gegenstände, startet eine Aufgabe, aber bricht sie ab, weil es sich nicht konzentrieren kann. Es wirkt manchmal, als würde es in einer eigenen Welt träumen – daher spricht man auch vom „Träumertyp“. Aufgaben, die längere Konzentration erfordern, werden vermieden oder dauerhaft aufgeschoben. Der Schreibtisch ist chaotisch, die Hausaufgaben werden vergessen aufzuschreiben – nicht weil dein Kind faul ist, sondern weil es die Anforderungen einfach nicht im Kopf behält.

Ein typisches Beispiel: Lina bekommt von ihrer Mutter drei Aufgaben aufgetragen: Rucksack packen, Pausenbrot essen und Zähne putzen. Lina packt den Rucksack, vergisst aber Pausenbrot und Zähne putzen komplett, obwohl sie die Anweisungen verstanden hat. Sie ist nicht trotzig – ihre Arbeitsgedächtnis-Kapazität reicht einfach nicht aus, um alle drei Schritte gleichzeitig im Blick zu behalten.

Soziale und emotionale Besonderheiten

Kinder mit dem unaufmerksamen Typ gelten oft als schüchtern oder zurückgezogen. Sie sind weniger impulsiv in ihrem Verhalten, daher ecken sie sozialer weniger an. Allerdings können sie sich in lauten Gruppensituationen überfordert fühlen und neigen dazu, sich selbst zu isolieren. Interessanterweise haben Kinder mit ADHS-I ein erhöhtes Risiko für Angststörungen und depressive Episoden – ihre „innere“ Art der Stressbewältigung macht es schwerer, die Probleme zu erkennen.

Ein wichtiger Aspekt: Der unaufmerksame Typ wird deutlich häufiger übersehen oder später diagnostiziert als die hyperaktiven Formen, weil die Kinder nicht „stören“. Sie sind für die Umgebung praktisch, daher fallen ihre Symptome erst richtig auf, wenn die schulischen Anforderungen steigen oder die emotionalen Belastungen sichtbar werden.

Der hyperaktiv-impulsive Typ (ADHS-HI): Das zappelige Kind

Das ist der klassische ADHS-Typ, den viele Menschen vor Augen haben, wenn sie das Wort ADHS hören: das Kind, das nicht stillsitzen kann, ständig redet und handelt, ohne vorher zu denken. Dieser Typ ist deutlich häufiger bei Jungen zu finden – etwa fünfmal häufiger als bei Mädchen.

Merkmale des hyperaktiv-impulsiven Typs

Hyperaktivität zeigt sich physisch und evident: Dein Kind zappelt ständig herum, kann nicht lange stillsitzen, springt oder klettert in unangebrachten Situationen herum, redet übermäßig viel und fällt anderen ständig ins Wort. Impulsivität ist ein Schlüsselmerkmal – dein Kind antwortet, ohne die ganze Frage gehört zu haben, handelt ohne Vorüberlegung, trifft spontane Entscheidungen ohne Konsequenzen abzuwiegen.

Die bekannteste Beschreibung für diesen Typ ist der „Zappelphilipp“: ein Kind in ständiger Bewegung, das Schwierigkeiten hat, ruhig zu spielen oder an strukturierten Aktivitäten teilzunehmen. Wenn dein Kind pausenlos in Bewegung ist, nur schwer neue Regeln befolgen kann und ständig Konflikte mit anderen entstehen, weil es zu impulsiv reagiert, könnte es zum hyperaktiv-impulsiven Typ gehören.

Soziale Auswirkungen

Kinder mit diesem Typ haben oft mehr soziale Probleme als Kinder mit dem unaufmerksamen Typ, aber aus anderen Gründen: Sie unterbrechen andere ständig, können ihre Reaktionen nicht regulieren und sind schnell frustriert. Das führt zu Konflikten mit Gleichaltrigen, Lehrern und in der Familie. Manche Kinder mit ADHS-HI zeigen auch aggressives Verhalten oder sind provokativ, weil sie ihre Impulse nicht gut kontrollieren können. Die gute Nachricht: Dieser Typ spricht oft sehr gut auf stimulantierende Medikationen an wie Methylphenidat.

Der kombinierte Typ (ADHS-C): Das „Beste aus zwei Welten“ (leider im negativen Sinne)

Der kombinierte Typ oder Mischtyp vereint das Schlimmste aus beiden Welten: Dein Kind hat starke Symptome in beiden Bereichen – es ist unaufmerksam UND hyperaktiv-impulsiv. Das macht die Begleitung besonders herausfordernd.

Merkmale des kombinierten Typs

Ein Kind mit ADHS-C zeigt sowohl massive Konzentrationsprobleme als auch ständige körperliche Unruhe und Impulsivität. Es vergisst Aufgaben, verliert Dinge, kann sich nicht fokussieren – und parallel dazu zappelt es herum, unterbricht andere, handelt impulsiv. Diese Kombination macht es für die betroffenen Kinder oft besonders schwierig, in Schule und Familie zurechtzukommen.

Beispiel aus dem Alltag

Stell dir vor, dein 9-jähriger Sohn soll seine Mathematik-Hausaufgaben machen. Bei ADHS-C könnte es so aussehen: Er sitzt zwar am Schreibtisch (weil du darauf bestanden hast), aber seine Gedanken schweifen ständig ab. Gleichzeitig zappelt er im Sitzen herum, wippt mit den Beinen, steht alle fünf Minuten auf, obwohl er gerade anfangen sollte. Als du ihn fragst, welche Aufgabe zu machen ist, antwortet er, bevor du die Frage zu Ende gestellt hast – mit der falschen Antwort. Die Mischung aus Desorganisation und Impulsivität macht es ihm extrem schwer, strukturiert vorzugehen.

Warum der Mischtyp besonders fordernd ist

Kinder mit ADHS-C haben oft mehr komorbide Störungen (also weitere psychische oder neurologische Begleitstörungen) als Kinder mit den anderen Typen. Die fluktuierende Natur der Symptomatik – manchmal ist die Impulsivität stärker, manchmal die Unaufmerksamkeit – erzeugt ein ambivalentes Außenbild, das für das Kind und die Familie verwirrend sein kann. Das externe Verhalten ist oft problematisch (weil die Hyperaktivität und Impulsivität sichtbar sind), während die internen Probleme (Unaufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis) weniger offensichtlich sind.

Die Entwicklung der Typen über die Zeit

Ein wichtiger Punkt: Die unterschiedlichen ADHS-Typen ändern sich im Laufe der Entwicklung eines Kindes. Der reine hyperaktiv-impulsive Typ wird üblicherweise nur bis zum Alter von 6 bis 7 Jahren (in Ausnahmefällen bis 15 Jahren) diagnostiziert. Das liegt daran, dass Unaufmerksamkeitssymptome erst später zuverlässig erkannt werden können. Mit zunehmendem Alter entwickelt sich der hyperaktiv-impulsive Typ oft zum kombinierten Typ weiter.

Dies bedeutet auch: Wenn dein Kind früher als ADHS-HI diagnostiziert wurde und jetzt als ADHS-C diagnostiziert wird, ist das völlig normal und nicht beunruhigend. Es ist die natürliche Entwicklung der Störung über die Zeit.

Warum die Unterscheidung der Typen wichtig ist

Die Unterscheidung in diese drei Typen ist nicht nur akademisch interessant – sie hat praktische Konsequenzen für die Behandlung und Unterstützung deines Kindes. Verschiedene Typen sprechen unterschiedlich auf Behandlungsmaßnahmen an. Kinder mit ADHS-I benötigen oft andere Unterstützungsstrategien als Kinder mit ADHS-HI. Die richtige Diagnose des Typs eröffnet dir die Möglichkeit, gezielt auf die spezifischen Herausforderungen deines Kindes einzugehen.

Wenn du unsicher bist, welcher Typ bei deinem Kind vorliegt, ist dies eine wichtige Frage für dein Gespräch mit dem Facharzt – sei es Kinderpsychiater, Psychologe oder Neuropädiater. Die genaue Einordnung hilft dabei, dass dein Kind die bestmögliche Unterstützung erhält, um sein volles Potenzial zu entfalten.

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Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).