Du hast die Diagnose ADHS bekommen, weißt um die multimodale Therapie und die Bedeutung des Elterntrainings als zentraler Baustein – jetzt stellt sich dir die nächste große Frage: Welches Elterntraining passt zu deiner Familie? Mit welchem Programm werdet ihr am besten unterstützt? Diese Frage ist völlig berechtigt, denn die Auswahl ist größer geworden und die Unterschiede sind teilweise erheblich.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Elterntraining so wirksam ist
- Der ADHS-Elterntrainer (Döpfner)
- Das THOP-Programm
- Triple P – Positive Parenting Program
- Digitale und Online-Programme
- Gruppen- oder Einzeltraining?
- Sollten beide Eltern am Elterntraining teilnehmen?
- Welches Programm passt zu deiner Familie?
- Finanzierung und Kostenübernahme
Warum Elterntraining so wirksam ist
Bevor wir uns die verschiedenen Programme anschauen, ein kurzer Blick auf das „Warum“: Die Forschung ist hier sehr klar. Elterntrainings gelten als Erstlinientherapie – also die erste Wahl – bei ADHS mit leichter bis moderater Symptomlast. Sie sind nicht einfach eine sinnvolle Ergänzung, sondern ein zentraler Baustein der Behandlung. Der Grund ist bestechend einfach: Du als Elternteil verbringst die meiste Zeit mit deinem Kind. Du schaffst die Struktur, setzt die Regeln durch, gestaltest den Alltag. Wenn du verstehst, wie ADHS funktioniert, und gelernt hast, mit gezielten Verhaltensstrategien umzugehen, dann wirkt sich das auf alle Lebensbereiche deines Kindes aus – von zuhause bis zur Schule.
Das Elterntraining ist ein Baustein der multimodalen Therapie, welche wir unter Step 5 der ADHS-Journey© – Optionen der ADHS-Therapie für dein Kind vorstellen.
Die bewährten Programme im Überblick
Der ADHS-Elterntrainer (Döpfner)
Das wahrscheinlich bekannteste Programm im deutschsprachigen Raum ist der ADHS-Elterntrainer, entwickelt von Prof. Manfred Döpfner, einem der führenden ADHS-Experten im deutschsprachigen Gebiet. Das Programm existiert in zwei Varianten:
Online-Version: Der ADHS-Elterntrainer ist kostenlos online verfügbar (adhs.aok.de) und arbeitet mit Videos und praktischen Anleitungen. Du kannst flexibel von zuhause aus trainieren, in deinem eigenen Tempo, ohne zeitliche Verpflichtungen. Das ist gerade für berufstätige Eltern, Alleinerziehende oder Familien mit langen Anfahrtswegen ein großer Vorteil. Die Online-Version eignet sich hervorragend für die Selbsthilfe oder als Ergänzung zur therapeutischen Behandlung vor Ort.
Gruppenversion: Der ADHS-Elterntrainer basiert auf einem klassischen Gruppentrainingsprogramm und wird an vielen Orten in Form von Gruppentrainings angeboten. Das Gruppentraining umfasst in der Regel 8 Doppelstunden (8 x 2 Stunden) und wird von zertifizierten Trainern geleitet.
Inhalte: Das Programm gliedert sich in vier Trainingsbereiche: Verhaltensprobleme lösen, sich wieder mögen lernen, klare Regeln setzen und Konsequenz bewahren, sowie Lob und Verstärkungssysteme nutzen. Es vermittelt konkrete, auf verhaltenstherapeutischen Methodenbasierende Strategien – wie du also praktisch mit Wutausbrüchen umgehen kannst, wie du Struktur schaffst, wie du sinnvoll lob und Grenzen setzt.
Das THOP-Programm
THOP steht für „Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten“ und ist ebenfalls von Manfred Döpfner und seinem Team entwickelt worden. Das THOP-Elternprogramm hat ein starkes Fokus auf die Ressourcen der Familie – nicht nur auf die Defizite, sondern auch auf das, was die Familie bereits gut kann.
Das Programm besteht aus 8 Bausteinen über 8 Doppelstunden und beinhaltet ein Arbeitsbuch, das du zuhause ausfüllst. Der Vorteil: Während der Gruppentermine lernst du die Grundlagen, und über das Arbeitsbuch transferierst du das Gelernte in konkrete Situationen deines Familienalltags. So wird aus Theorie schnell Praxis. Besonders geeignet ist THOP für Familien, die gerne schriftlich arbeiten und sich Zeit nehmen möchten, das Gelernte wirklich zu verinnerlichen.
Triple P – Positive Parenting Program
Triple P (zu Deutsch: Positives Erziehungsprogramm) ist ein internationales Programm, das in vielen Ländern etabliert ist. Es gibt mehrere Varianten:
Grundversion Triple P: Ein universelles Elterntrainingsprogramm, das sich an Eltern mit Kindern mit verschiedenen Verhaltensproblemen richtet – nicht nur speziell ADHS.
Stepping Stones Triple P: Eine an die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen angepasste Variante. Diese kann für ADHS-Kinder relevant sein, wenn zusätzliche Komorbiditäten (also Begleiterkrankungen wie Entwicklungsverzögerungen) vorhanden sind.
Format: Triple P wird je nach Standort als Einzeltraining (ca. 1 Stunde wöchentlich) oder als Gruppentraining (ca. 5 Gruppensitzungen à 2 Stunden) angeboten, gefolgt von Telefonunterstützung. Das ist flexibel und passt zu unterschiedlichen familiären Situationen.
Digitale und Online-Programme
Neben den klassischen Gruppen- und Einzeltrainings gibt es auch spezialisierte Online-Programme wie hiToco® oder ADOPT Online, die sich besonders für Familien eignen, die lange Wartezeiten vermeiden möchten oder geografisch schwer Zugang zu Fachstellen haben. Diese Programme sind strukturiert, modular aufgebaut und beinhalten oft therapeutische Hausaufgaben sowie die Möglichkeit, mit Experten in Kontakt zu treten.
Gruppen- oder Einzeltraining?
Das ist eine häufige Frage – und die ehrliche Antwort ist: Beide Varianten wirken. Die Frage ist also weniger „Was wirkt?“ als vielmehr „Was passt zu meiner Lebenssituation?“
Gruppentraining
Gruppentrainings haben den Vorteil, dass du andere Eltern kennenlernst, die die gleichen Herausforderungen erleben. Dieser gegenseitige Austausch und die gegenseitige Unterstützung sind oft unglaublich wertvoll – du merkst, dass du nicht allein bist, und andere Eltern haben vielleicht Lösungen für Probleme, die auch dich beschäftigen. Gruppentrainings sind oft kostengünstiger oder werden von Krankenkassen übernommen.
Einzeltraining
Einzeltrainings und Online-Formate ermöglichen dir mehr Flexibilität. Du musst nicht zu festen Zeiten anwesend sein, kannst in deinem eigenen Tempo lernen, und der Fokus liegt ganz auf deiner spezifischen Familiensituation. Das ist besonders wertvoll, wenn deine Familie komplexere Probleme hat oder wenn örtliche/zeitliche Hürden ein Gruppentraining unmöglich machen.
Sollten beide Eltern am Elterntraining teilnehmen?
Ja, das ist eine wichtige Frage – und die Antwort ist klare: Idealerweise ja. Aber mit wichtigen Einschränkungen.
Wenn beide Elternteile das Elterntraining absolvieren, dann können beide die gleichen Strategien im Alltag umsetzen. Das ist enorm wertvoll, denn Kinder verstehen dann, dass die Regeln überall gelten – nicht nur bei Papa oder nur bei Mama. Das schafft Klarheit und Sicherheit für dein Kind. Außerdem: Wenn dein Partner/deine Partnerin auch versteht, warum das ADHS-Kind sich so verhält, entlastet das auch die Partnerschaft massiv. Viele Elternkonflikte entstehen, weil die Eltern unterschiedliche Sichtweisen auf das Verhalten des Kindes haben. Wenn ihr beide verstanden habt, dass das Verhalten neurobiologisch bedingt ist und nicht „böse gemeint“, dann verringert sich dieser Konflikt.
Was ist, wenn es nicht beide schaffen?
Realistisch: Manchmal ist es einfach nicht möglich, dass beide Eltern teilnehmen. Der andere Elternteil hat berufliche Verpflichtungen, oder es gibt andere zeitliche Hürden. Die Forschung zeigt aber auch: Ein trainiertes Elternteil ist besser als keines. Es gibt also kein Grund zu sagen „Ich mach es nur, wenn mein Partner auch kommt“. Los geht’s – und vielleicht inspirierst du deinen Partner/deine Partnerin durch deine Erfolge, später auch zu steigen.
Für Alleinerziehende gilt: Die Effektivität von Elterntrainings ist auch bei einer einzelnen Bezugsperson nachgewiesen. Du brauchst dich also nicht weniger unterstützt zu fühlen – die Programme sind auf dich ausgerichtet.
Partizipation beider Eltern in der Praxis
In vielen Elterntrainings – besonders in den Gruppentrainings – ist es vortgesehen, dass beide Elternteile anwesend sind. Manche Programme (wie Triple P) bieten aber auch Varianten an, bei denen das Elterntraining stark individualisiert wird und flexibler gestaltet ist. Sprich mit dem Anbieter darüber – es gibt oft mehr Spielraum, als du denkst.
Welches Programm passt zu deiner Familie?
Die Auswahl des richtigen Elterntrainings hängt von mehreren Faktoren ab:
Deine Lebenssituation
Hast du Zeit für regelmäßige Termine? Brauchst du Flexibilität? Ein Online-Programm oder Einzeltraining könnte besser passen. Möchtest du andere Eltern kennenlernen? Ein Gruppentraining ist ideal.
Die Symptomlast deines Kindes
Bei leichten Symptomen kann ein Selbsthilfeformat (wie der kostenlose Online-ADHS-Elterntrainer) ausreichen. Bei schwereren Symptomen oder vielen Komorbiditäten ist ein intensiveres Programm oder gar Einzeltraining sinnvoller.
Deine Präferenzen
Magst du Gruppen oder lieber eins-zu-eins Kontakt? Lernst du besser über Videos und Online-Inhalte oder brauchst du das persönliche Gespräch?
Regionale Verfügbarkeit
Nicht alle Programme sind überall verfügbar. Erkundige dich bei deinem behandelnden Arzt oder bei Beratungsstellen vor Ort, welche Programme angeboten werden.
Finanzierung und Kostenübernahme
Ein praktischer Punkt: Viele Programme werden von Krankenkassen übernommen oder zumindest teilweise finanziert, manche sind kostenlos. Der kostenlose ADHS-Elterntrainer ist eine niedrigschwellige Option, um erstmal in das Thema zu kommen. Spezialisierte Trainings (wie Elterntrainings in Praxen oder Kliniken) können von der Krankenkasse übernommen werden – frag nach! Das spart dir nicht nur Geld, sondern macht das Training auch einfacher zugänglich.
Abschließend noch ein wichtiger Punkt: Elterntraining ist kein schneller Fix. Die Effekte zeigen sich oft erst über Wochen bis Monate. Das ist völlig normal und kein Scheitern. ADHS ist keine Erziehungsfehler, und es verschwindet auch nicht nach einer Trainingseinheit. Aber: Mit Geduld, Durchhaltevermögen und den richtigen Strategien werden die Verhaltensauffälligkeiten deutlich weniger, die familiäre Belastung sinkt, und vor allem: Die Lebensqualität für dein Kind und deine ganze Familie steigt.
Du wirst sehen – es lohnt sich.
Elterntraining ist nur ein Baustein der Therapie. Lerne jetzt alle kennen:
Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).
