Die Diagnose ist da: Dein Kind hat ADHS. Diese Gewissheit kann eine ganze Welle von Gefühlen auslösen – und das ist vollkommen normal und berechtigt. Doch während sich nun alles um dein Kind, Therapien und die nächsten Schritte zu drehen scheint, gerätst du selbst schnell aus dem Blick. Dabei bist du gerade jetzt besonders wichtig.
Inhaltsverzeichnis
- Warum deine eigenen Gefühle zählen
- Die emotionale Achterbahn: Diese Phasen durchlaufen viele Eltern
- Warum Selbstfürsorge nicht egoistisch ist sondern notwendig
- Praktische Wege zur emotionalen Verarbeitung
- Dein Weg nach vorne mit Geduld und Mitgefühl
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Zusammenfassung
Nimm dir Zeit, die Diagnose zu verarbeiten, dich zu informieren und Schritt für Schritt vorzugehen. Gib dir und deinem Kind Zeit. Kleine Fortschritte sind wertvolle Erfolge!
Warum deine eigenen Gefühle zählen
Viele Eltern denken nach der Diagnose: „Jetzt muss ich stark sein. Ich muss für mein Kind da sein. Meine eigenen Gefühle sind jetzt nicht wichtig.“ Doch genau das Gegenteil ist richtig. Nur wenn du gut für dich sorgst, kannst du langfristig gut für dein Kind da sein.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Studien zeigen, dass 58 Prozent der Eltern von Kindern mit ADHS-Diagnose sich stark oder eher stark belastet fühlen. 44 Prozent berichten von eigener Überforderung, und viele kämpfen mit Schuldgefühlen. Diese emotionale Belastung ist real, sie ist messbar – und sie ist völlig verständlich.
Du bist nicht allein mit diesen Gefühlen. Und du bist nicht schwach, wenn du sie zulässt. Informiere dich umfassend zu dieser Situation in Phase 4 der ADHS-Journey© – Das Ergebnis ist da: Dein Kind hat ADHS.
Die emotionale Achterbahn: Diese Phasen durchlaufen viele Eltern
Erleichterung – „Endlich weiß ich, was los ist“
Viele Eltern berichten von einem tiefen Gefühl der Erleichterung, wenn die Diagnose endlich feststeht. Du hast dir nichts eingebildet. Der Lehrer lag falsch mit seiner Behauptung, dein Kind sei einfach nur faul oder schlecht erzogen. Es gibt eine wissenschaftliche Erklärung für die Verhaltensmuster, die dich wochen- oder monatelang verunsichert haben.
Diese Erleichterung entsteht, weil du nun einen Namen für das hast, was du beobachtet hast. Du wirst nicht mehr an deiner Wahrnehmung zweifeln müssen. Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Beginn von gezielter Hilfe.
Trauer – Das „verlorene Idealbild“
Gleichzeitig berichten viele Eltern von einem Trauergefühl – nicht über ihr Kind, sondern über das „Idealbild“ des Kindes, das sie sich vielleicht vorgestellt hatten. Diese Trauer ist genauso berechtigt wie die Erleichterung. Es ist völlig verständlich, dass du kurz trauern darfst über die Vorstellung, dass die Schulzeit „reibungslos“ ablaufen würde oder dass dein Kind keine zusätzliche Unterstützung bräuchte.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Julia, Mutter von zwei Kindern, erzählt: „Als die Diagnose kam, habe ich geweint. Nicht weil ich mein Kind nicht mehr liebte, sondern weil ich Abschied nehmen musste von der Vorstellung, dass alles ’normal‘ läuft. Ich habe getrauert um die spontanen Nachmittage ohne Termine, um entspannte Elternabende, um die Leichtigkeit, die andere Familien zu haben scheinen. Und das ist okay. Diese Trauer gehört dazu.“
Schuldgefühle – „Habe ich etwas falsch gemacht?“
Diese Frage ist eine der häufigsten und gleichzeitig eine der schwersten. Hier ist es entscheidend, dass du dies verstehst: Die Diagnose ist KEINE Schuldfrage. Du hast nicht versagt, und dein Kind ist nicht „schlecht erzogen“.
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die auf einer Stoffwechselstörung im Gehirn beruht. Die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin arbeiten anders als in anderen Gehirnen. Diese Stoffwechselstörung ist genetisch bedingt – das bedeutet, sie wird vererbt. Studien zeigen, dass ADHS zu 70-80 Prozent genetisch bedingt ist.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Du hast ADHS nicht durch deine Erziehung „verursacht“. Es ist genauso, wie dass dein Kind nicht durch deine Erziehung kurzsichtig oder rothaarig geworden ist. Die genetische Veranlagung für ADHS war bereits vor der Geburt da.
Trotzdem bleiben die Schuldgefühle oft hartnäckig. Sie werden verstärkt durch Kommentare aus dem Umfeld: „Das Kind braucht nur mehr Grenzen.“ „Früher gab es so etwas nicht.“ „Wenn ihr konsequenter wärt…“ Diese Vorwürfe sind nicht nur verletzend, sondern auch fachlich falsch. Die Eltern sind nicht schuld. Sie haben aber Einfluss darauf, wie sich das Kind weiter entwickelt.
Sorge um die Zukunft – „Wie wird es weitergehen?“
„Was bedeutet das für die Zukunft meines Kindes? Wird mein Kind die Schule schaffen? Kann es ein erfülltes Leben führen?“ Diese Fragen stellen sich fast alle Eltern nach der Diagnose. Diese Sorgen sind verständlich, aber es ist wichtig zu wissen, dass sie oft auf überholten oder falschen Vorstellungen basieren.
Mit moderner Therapie und Unterstützung führen viele Menschen mit ADHS heute erfüllte, erfolgreiche Leben. Viele sind kreativ, energiegeladen, empathisch und brillant in ihren Fachbereichen. ADHS ist behandelbar. Mit der richtigen Kombination aus therapeutischen, pädagogischen und gegebenenfalls medikamentösen Maßnahmen können die Symptome deutlich gelindert werden.
Überforderung – „Wie soll ich das alles schaffen?“
Die Vorstellung, Therapien zu organisieren, Tests zu koordinieren, die Schule einzubeziehen, Medikamente zu verstehen, Elterntraining zu besuchen – das kann sich überwältigend anfühlen. Diese Überforderung ist real und berechtigt.
Ein typisches Beispiel: Martin, Vater eines 8-jährigen Sohns mit ADHS: „Nach der Diagnose bekam ich eine Liste mit Empfehlungen: Verhaltenstherapie, Ergotherapie, Elterntraining, Gespräch mit der Schule, eventuell Medikation. Ich saß da und dachte: Wann soll ich das alles machen? Ich arbeite Vollzeit, meine Frau auch. Wer kümmert sich um die Organisation? Wer fährt zu den Terminen? Ich fühlte mich komplett überfordert.“
Hier ist die gute Nachricht: Du musst nicht alles sofort tun, und du schaffst das nicht allein. Es gibt professionelle Hilfe, Selbsthilfegruppen und viele andere Eltern, die diesen Weg gehen oder bereits gegangen sind.
Warum Selbstfürsorge nicht egoistisch ist sondern notwendig
Viele Eltern haben das Gefühl, sie dürften nicht an sich selbst denken. „Mein Kind braucht mich. Ich muss jetzt stark sein. Ich habe keine Zeit für mich.“ Doch genau das ist ein gefährlicher Trugschluss.
Du bist nicht weniger wert, wenn du müde bist. Du bist nicht unfähig, weil du weinst. Du bist nicht egoistisch, wenn du dich um dich kümmerst. Du bist ein Mensch. Ein Elternteil. Einfühlsam. Erschöpft. Stark. Und wertvoll.
Eltern von ADHS-Kindern leisten täglich Großes. Der Alltag mit einem impulsiven, emotional fordernden oder dauerhaft unruhigen Kind bringt Familien immer wieder an ihre Grenzen. Dazu kommt oft: ständige Kritik von außen, Schuldvorwürfe, fehlende Anerkennung für die Haus- und Familienarbeit, finanzielle Sorgen durch reduzierte Arbeitszeit, Konflikte in der Partnerschaft.
Studien zeigen, dass Eltern von Kindern mit ADHS ein höheres Risiko für eigene psychische Belastungen haben – darunter Depressionen, Erschöpfung und chronischer Stress. Wenn du deine Kraftreserven täglich zu sehr strapazierst, kann durch den chronischen Stress eine Burnout-Symptomatik die Folge sein.
Manchmal ist das Beste, was du für dein Kind tun kannst, dich um dich selbst zu kümmern. Dein Kind braucht dich nicht als Held oder Heldin, sondern als Mensch mit Herz und Grenzen.
Praktische Wege zur emotionalen Verarbeitung
1. Nimm dir bewusst Zeit zum Verarbeiten
Du darfst auch Zeit brauchen, um diese Diagnose zu verarbeiten. Du musst nicht sofort positiv sein, du musst nicht sofort wissen, wie es weitergeht, und du darfst auch zweifeln.
Konkrete Ideen:
- Schreibe deine Gefühle auf – ein Tagebuch kann helfen, Gedanken zu sortieren
- Erlaube dir zu weinen, wenn dir danach ist
- Sprich mit deinem Partner oder einer vertrauten Person über deine Ängste
- Gib dir eine „Auszeit vom Optimismus“ – du musst nicht immer stark sein
2. Schaffe dir „hedonistische Inseln“ im Alltag
Eine „hedonistische Insel“, das ist etwas, worauf du dich freust und das dir guttut, was du fest im Tag einplanst und aktiv gestaltest. Zum Beispiel dein Hunde-Spaziergang jeden Morgen, dein Chai-Tee am Abend, deine Yogastunde jeden Montag, die Sauna am Wochenende.
Im hohen Wellengang vom Alltags-Stress musst du dich immer wieder auf diese Inseln retten können. Als Eltern verlieren wir diese Inseln oft aus den Augen – aber sie sind überlebenswichtig.
Beispiele für hedonistische Inseln:
- 15 Minuten Spaziergang ohne Handy nach dem Frühstück
- Einmal pro Woche zum Sport oder zur Yogastunde
- Abends 20 Minuten Lesen, bevor du schlafen gehst
- Ein festes Wochenende im Monat mit Freunden
- Regelmäßige Massage oder Sauna
3. Sprich mit anderen betroffenen Eltern
Viele Eltern berichten mir immer wieder, dass der Austausch mit anderen betroffenen Familien sehr hilfreich ist. In Selbsthilfegruppen kannst du Erfahrungen austauschen, praktische Tipps bekommen, emotionalen Rückhalt finden und dich weniger allein fühlen.
Du kannst Informationen zu Selbsthilfegruppen bei ADHS Deutschland e.V. oder über regionale Beratungsstellen finden.
4. Hole dir professionelle Unterstützung
Es ist keine Schwäche, sich Unterstützung durch Eltern-/Erziehungsberatung zu suchen! Ein Kind mit ADHS-Symptomen stellt nun mal eine große Herausforderung dar.
Anlaufstellen:
- Erziehungsberatungsstellen (oft kostenlos)
- Elterntraining speziell für ADHS-Familien
- Psychotherapeutische Unterstützung für dich selbst
- Unsere Website 😉
- Systemische Familienberatung
5. Teile die Verantwortung auf
Du musst nicht alles alleine schultern. Wenn du einen Partner hast, teilt euch die Aufgaben bewusst auf. Nutzt das Konzept der „Total Responsibility Transfers“ – teilt das große „Verantwortungspaket“ in viele kleine Pakete auf, die verschiedene Familienmitglieder übernehmen können.
Konkrete Umsetzung:
- Erstelle gemeinsam Aufgabenlisten und Wochenpläne
- Wechselt euch bei Therapie-Fahrten ab
- Plane feste „Ich-Zeiten“ für beide Partner ein
- Bitte Großeltern, Freunde oder Babysitter regelmäßig um Unterstützung
- Die Kinder auch mal anderen „zumuten“ – ohne schlechtes Gewissen
6. Setze Grenzen und erkenne deine Warnsignale
Eigene Grenzen kennen und vor allem: lernen, wahrzunehmen, wenn die eigenen Grenzen erreicht sind!
Das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten für Eltern von ADHS-Kindern.
Achte auf Warnsignale wie:
- Ständige Gereiztheit und schnelles „an die Decke gehen“
- Schlafstörungen
- Körperliche Symptome (Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden)
- Gefühl von emotionaler Taubheit
- Rückzug von Freunden und Hobbys
- Das Gefühl, „nicht mehr zu können“
Wenn du diese Symptome bemerkst, ist es höchste Zeit für eine Pause und professionelle Unterstützung.
Dein Weg nach vorne mit Geduld und Mitgefühl für dich selbst
Wichtigste Erkenntnisse für diese Phase:
Die Diagnose ist nicht deine Schuld.
Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang von gezielter Hilfe.
Dein Kind braucht deine Ruhe, dein Verständnis und dein Vertrauen, dass es mit dieser Diagnose ein gutes Leben führen wird.
Es gibt professionelle Hilfe, Selbsthilfegruppen und viele andere Eltern, die diesen Weg gehen oder bereits gegangen sind.
Du darfst dir Zeit nehmen zur Verarbeitung – es muss nicht alles sofort perfekt sein.
Die ADHS-Diagnose ist kein Urteil, sondern ein Türöffner. Und du machst das richtig, indem du informiert, unterstützend und liebevoll mit dieser neuen Information umgehst – und dabei auch auf dich selbst achtest.
Kümmere dich um dich mit Geduld, Achtsamkeit und Mut zur Pause.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist es normal, dass ich mich nach der Diagnose so erschöpft fühle?
Ja, absolut. Die emotionale Verarbeitung einer Diagnose kostet enorm viel Kraft. Viele Eltern berichten von einer tiefen Erschöpfung in den ersten Wochen und Monaten nach der Diagnose. Gib dir Zeit und sei nachsichtig mit dir selbst.
Wie lange dauert es, bis ich die Diagnose verarbeitet habe?
Das ist sehr individuell. Manche Eltern fühlen sich nach wenigen Wochen besser, andere brauchen Monate oder sogar länger. Es gibt keine „richtige“ Zeitspanne. Wichtig ist, dass du dir die Zeit nimmst, die du brauchst.
Darf ich auch mal wütend auf mein Kind sein?
Ja, natürlich. Du bist ein Mensch mit Gefühlen. Es ist völlig normal, dass du in schwierigen Situationen auch mal wütend, genervt oder frustriert bist. Das macht dich nicht zu schlechten Eltern. Wichtig ist, wie du mit diesen Gefühlen umgehst und dass du dir Hilfe holst, wenn du merkst, dass du an deine Grenzen kommst.
Muss ich jetzt sofort alle Therapien starten?
Nein. Versuche nicht, alles auf einmal umzusetzen. ADHS-Therapie ist ein Marathon, kein Sprint. Gehe Schritt für Schritt vor, setze Prioritäten und gib dir und deinem Kind Zeit.
Wo finde ich Unterstützung speziell für mich als Elternteil?
Es gibt viele Anlaufstellen: Erziehungsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, Elterntrainings, Online-Angebote wie den ADHS-Elterntrainer, systemische Familienberatung und therapeutische Unterstützung speziell für Eltern.
Zusammenfassung
Die Zeit nach der ADHS-Diagnose ist emotional herausfordernd – für dein Kind, aber auch für dich. Nimm dir Zeit, die Diagnose zu verarbeiten. Sprich mit deinem Partner, mit anderen Eltern von ADHS-Kindern, mit einem Therapeuten. Informiere dich, aber überfordere dich nicht mit Informationen.
Du findest nicht alle Antworten in einer Woche, und das ist okay. Die Diagnose ist der Startpunkt für gezielte Hilfe – und das schließt auch Hilfe für dich mit ein. Du bist die wichtigste Person im Leben deines Kindes. Wenn du in deiner Kraft bist, tust du deinem Kind gut.
Und vergiss nicht: Du bist nicht allein. Du schaffst das. Schritt für Schritt.
Vielleicht konntest du schon ein bisschen runterkommen?
Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).
