Das Ergebnis ist da: Dein Kind hat ADHS


Dein Kind hat ADHS. Jetzt klären wir, was das Ergebnis der Diagnose bedeutet und wie es weitergeht.

Diese Diagnose kann eine ganze Welle von Gefühlen auslösen – und das ist vollkommen normal und berechtigt. Möglicherweise empfindest du Erleichterung, weil endlich Klarheit herrscht und du weißt, dass du dir nichts eingebildet hast. Gleichzeitig können sich Sorge, Überforderung oder Unsicherheit bemerkbar machen.

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Wir behandeln das Thema ADHS bei deinem Kind als ADHS-Journey© in 8 Steps, du bist hier:

Step 4: Wie du und dein Kind jetzt mit der Diagnose umgehen

Inhaltsverzeichnis

Die ADHS-Diagnose ist gestellt und es steht fest, dass dein Kind ADHS habt. Und gleichzeitig beschäftigen dich viele Gedanken und Emotionen. Manche Eltern berichten, dass die Gefühle Sorge und Erleichterung gleichzeitig auftreten, sich abwechseln oder sogar in Widerspruch zueinander stehen. Das alles ist vollkommen verständlich. In diesem Kapitel begleiten wir dich durch diese emotionale Zeit und zeigen dir, warum diese Diagnose – so überwältigend sie sich anfühlen mag – tatsächlich der Beginn einer neuen Phase ist, in der du deinem Kind gezielt helfen kannst.

Deine Gefühle als Elternteil und die Emotionen verstehen

Viele Eltern durchlaufen nach der ADHS-Diagnose verschiedene emotionale Phasen, ähnlich wie bei anderen einschneidenden Lebensereignissen. Das ist ein völlig natürlicher Prozess der Verarbeitung:

Erleichterung: „Endlich weiß ich, was los ist. Ich habe mir nichts eingebildet. Der Lehrer hat nicht recht, dass mein Kind einfach nur faul ist.“ Diese Erleichterung entsteht, weil du nun einen Namen für das hast, was du beobachtet hast. Du wirst nicht mehr an deiner Wahrnehmung zweifeln müssen. Es gibt eine wissenschaftliche Erklärung für die Verhaltensmuster, die dich wochen- oder monatelang verunsichert haben.

Trauer: Viele Eltern berichten von einem Trauergefühl – nicht über ihr Kind, sondern über das „Idealbild“ des Kindes, das sie sich vielleicht vorgestellt hatten. Diese Trauer ist genauso berechtigt wie die Erleichterung. Es ist völlig verständlich, dass du kurz trauern darfst über die Vorstellung, dass die Schulzeit „reibungslos“ ablaufen würde oder dass dein Kind keine zusätzliche Unterstützung bräuchte.

Sorge: „Was bedeutet das für die Zukunft meines Kindes?“ Diese Frage stellen sich fast alle Eltern nach der Diagnose. Wird mein Kind die Schule schaffen? Kann es ein erfülltes Leben führen? Diese Sorgen sind verständlich, aber es ist wichtig zu wissen, dass sie oft auf überholten oder falschen Vorstellungen basieren. Mit moderner Therapie und Unterstützung führen viele Menschen mit ADHS heute erfüllte, erfolgreiche Leben.

Schuldgefühle: „Habe ich etwas falsch gemacht? Ist das meine Schuld?“ Diese Frage ist eine der häufigsten und gleichzeitig eine der schwersten. Hier ist es entscheidend, dass du dies verstehst: 

Die Diagnose ist KEINE Schuldfrage. Du hast nicht versagt, und dein Kind ist nicht „schlecht erzogen“.

Überforderung: „Wie soll ich das alles schaffen?“ Die Vorstellung, Therapien zu organisieren, Tests zu koordinieren, die Schule einzubeziehen – das kann sich überwältigend anfühlen. Diese Überforderung ist real und berechtigt. Aber hier ist die gute Nachricht: Du musst nicht alles sofort tun, und du schaffst das nicht allein.

ADHS ist neurobiologisch bedingt und was das für dich bedeutet

Eines der wichtigsten Dinge, die du verstehen musst, ist das Folgende: ADHS ist nicht das Ergebnis schlechter Erziehung, mangelnder Liebe oder Aufmerksamkeit. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die auf einer Stoffwechselstörung im Gehirn beruht.

Vereinfacht gesagt funktionieren die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin, die in einem ADHS-Gehirn arbeiten, anders als in anderen Gehirnen. Diese Neurotransmitter sind wie die Chemikalien, die für die Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsniveau zuständig sind. Bei ADHS arbeiten sie nicht optimal – nicht weil dein Kind nicht versucht hat, besser zu sein, sondern weil sein Gehirn genetisch so aufgebaut ist.

Diese Stoffwechselstörung ist genetisch bedingt, das heißt, sie wird vererbt. Studien zeigen, dass ADHS zu 70-80% genetisch bedingt ist. Das bedeutet im Umkehrschluss: Du hast ADHS nicht durch deine Erziehung „verursacht“ (puh ;-). Es ist genauso, wie dass dein Kind nicht durch deine Erziehung kurzsichtig oder rothaarig geworden ist. Die genetische Veranlagung für ADHS war bereits vor der Geburt da.

ADHS ist also keine „Modeerscheinung“, keine Ausrede und keine Erfindung durch überengagierte Eltern oder schlampige Ärzte. Es ist eine anerkannte medizinische Diagnose, die in internationalen Klassifikationssystemen wie der ICD-10 (zukünftig ICD-11) und dem DSM-5 (dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen) beschrieben ist. Fachleute weltweit erkennen ADHS an, vermitteln es und forschen daran.

Für dich als Elternteil bedeutet dies auch: Du kannst die Schuldgefühle nun loslassen. Das ist ein wichtiger emotionaler Befreiungsschlag. Du hast nichts falsch gemacht.

Die ADHS-Diagnose als Chance zu gezielter Unterstützung

So schwer die Diagnose zunächst sein mag – sie eröffnet auch völlig neue Möglichkeiten, die dir und deinem Kind direkt zugutekommen:

Klarheit und Verständnis

Du weißt jetzt, warum dein Kind sich so verhält. Es ermöglicht einen verständnisvolleren, compassionalen Umgang. Wenn dein Kind wieder impulsiv reagiert, Schwierigkeiten beim Fokussieren hat oder hyperaktiv wirkt, kannst du dies nun mit mehr Geduld betrachten und verstehen, dass es mit neurologischen Herausforderungen kämpft – nicht mit dir.

Gezielte Hilfe

Mit der Diagnose hast du nun Zugang zu spezifischen Therapien, evidenzbasierten Fördermaßnahmen und professionellen Unterstützungsangeboten. Dies ist kein „Einfach-abwarten-und-hoffen-Szenario“ mehr, sondern ein aktiver, gezielter Weg.

Multimodale Therapie

Die moderne ADHS-Therapie ist sogenannt „multimodal“, das heißt, sie kombiniert verschiedene Ansätze. Dies kann psychoedukative Maßnahmen, also Aufklärung und Psychoerziehung, Verhaltenstherapie, manchmal Ergotherapie und, wenn nötig, auch medikamentöse Unterstützung umfassen. Studien haben gezeigt, dass diese kombinierte Herangehensweise sehr wirksam ist.

Nachteilsausgleich

In der Schule können spezielle Hilfen beantragt werden, sogenannte Nachteilsausgleiche. Dies könnte beispielsweise bedeuten, dass dein Kind etwas mehr Zeit für Tests bekommt oder dass dein Kind sich in einer ruhigeren Umgebung konzentrieren kann. Dies sind keine „Vorteile“, sondern Ausgleichsmaßnahmen, die es deinem Kind ermöglichen, sein wahres Potenzial zu zeigen (mehr in Step 7).

Selbstverständnis für dein Kind

Die Diagnose ist nicht nur für dich wichtig. Sie ist auch für dein Kind entscheidend. Wenn dein Kind versteht, dass es ADHS hat, dann kann es auch verstehen: „Ich bin nicht dumm oder faul – ich habe ADHS. Mein Gehirn funktioniert einfach anders. Und ich kann lernen, damit umzugehen und meine Stärken zu nutzen.“

ADHS ist behandelbar

Mit der richtigen Kombination aus therapeutischen, pädagogischen und gegebenenfalls medikamentösen Maßnahmen können die Symptome deutlich gelindert werden. Dies wird durch viele Studien belegt. Viele Menschen mit ADHS führen ein erfülltes, erfolgreiches und sehr glückliches Leben, viele sind kreativ, energiegeladen, empathisch und brillant in ihren Fachbereichen.

Wie du deinem Kind die ADHS-Diagnose erklärst – altersgerecht und beruhigend

Ergebnis der Diagnose: Kind hat ADHS
Im Gespräch deinem Kind die ADHS-Diagnose erklären

Einer der wichtigsten Schritte nach der Diagnose ist, mit deinem Kind darüber zu sprechen. Dies kann für dich als Elternteil angespannt wirken – aber es ist tatsächlich eine Chance, viele Ängste deines Kindes zu nehmen.

Warum ist es wichtig, mit deinem Kind zu sprechen?

Kinder spüren intuitiv, wenn etwas nicht stimmt. Wenn es Facharzttermine, Tests und Untersuchungen gibt und du nicht mit deinem Kind darüber sprichst, werden Fantasien und Angstgedanken entstehen, die oft schlimmer sind als die Realität. Dein Kind könnte denken: „Stimmt etwas mit mir nicht? Bin ich krank? Werde ich weggegeben?“ Eine offene, ehrliche Kommunikation nimmt diesen Ängsten ihre Macht.

Wenn dein Kind von dir erfährt, dass es ADHS hat (und nicht von jemandem anderen oder zufällig), wird es sich auch verstanden und einbezogen fühlen – nicht ausgeschlossen oder krank.

Grundprinzipien für das Gespräch

Zeitpunkt wählen: Es gibt keinen „perfekten“ Zeitpunkt, aber es ist sinnvoll, einen Moment zu wählen, in dem beide ruhig und ungestört sind. Nicht kurz vor dem Schulwechsel oder in einer angespannten Situation. Es kann auch hilfreich sein, das Gespräch nach einem positiven Erlebnis zu führen – wenn dein Kind sich gerade gut fühlt.

Einfach und direkt sein: Kinder brauchen am Anfang minimale Informationen. Rede nicht stundenlang über Dopamin und Neurotransmitter – das überfordert. Halte es einfach.

Ehrlich und positiv bleiben: Gib keine falschen oder irreführenden Informationen. Aber rahme die Diagnose auch nicht als Katastrophe, sondern als etwas, das es zu verstehen und zu bewältigen gilt.

Verwendung von Bildern und Metaphern: Kinder verstehen oft besser, wenn du Vergleiche verwendest. Zum Beispiel: „Dein Gehirn hat ein sehr besonderes Betriebssystem. Es ist schneller, kreativer und energiegeladener als manche anderen Gehirne. Das ist cool! Aber manchmal braucht dein Gehirn ein bisschen mehr Struktur und Unterstützung, um sich zu konzentrieren. Das ist, wie wenn eine Person, die sehr schnell läuft, irgendwann versteht, dass sie spezielle Laufschuhe braucht.“

Altersgerechte Erklärungen

Für Schulkinder (6-12 Jahre)

  • Halte die Erklärung konkret und bezogen auf ihr Leben: „Du weißt, dass es dir manchmal schwerfällt, stillzusitzen oder dich auf Hausaufgaben zu konzentrieren. Das heißt ADHS – aber das bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Dein Gehirn funktioniert einfach anders.“
  • Benenne ihre Stärken: „Du bist super kreativ, du magst Action, du hast viele tolle Ideen auf einmal, du bist sehr lebhaft und lustig. Das sind großartig Dinge an dir.“
  • Erkläre den praktischen Unterschied: „Mit ADHS ist es manchmal schwierig, lange auf eine Sache zu fokussieren, ohne dass es anderer Dinge gibt, die deine Aufmerksamkeit ablenken. Es ist wie ein Radio, das ständig die Sender wechselt. Und manchmal tust du Dinge sehr schnell, ohne erst zu denken – auch das ist ADHS.“
  • Mache es konkret: „Deshalb werden wir zusammen mit einem Therapeuten üben, wie du dein Gehirn trainieren kannst, länger fokussiert zu bleiben. Und die Schule wird dir vielleicht kleine Hilfen geben – wie extra Zeit für Tests oder ruhigere Räume zum Lernen.“

Für Jugendliche (13+ Jahre)

  • Sie verstehen bereits komplexere Konzepte: „ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Das bedeutet, dass bestimmte Stoffe in deinem Gehirn – Dopamin und Noradrenalin – nicht ganz so optimal funktionieren wie bei Menschen ohne ADHS. Das beeinflusst deine Aufmerksamkeit, deine Impulsivität und manchmal deine Emotionsregulation.“
  • Beziehe es auf ihre Realität: „Das erklärt, warum es dir schwerfällt, dich auf Hausaufgaben zu konzentrieren, obwohl die Schule nicht schwer für dich ist. Es erklärt auch, warum du manchmal schnell reagierst, bevor du denkst, oder warum du manchmal sehr emotional reagierst.“
  • Betone Normalität und Hoffnung: „Es gibt viele berühmte Menschen mit ADHS – Schauspieler, Unternehmer, Künstler, Sportler. Sie führen erfolgreiche Leben. Das bedeutet nicht, dass alles easy ist, aber es bedeutet, dass ADHS kein Hindernis für ein erfülltes Leben ist, wenn man die richtige Unterstützung bekommt.“
  • Involviere sie in Entscheidungen: „Wir werden jetzt verschiedene Behandlungen ausprobieren. Was hältst du davon? Welche Art von Unterstützung würde dir helfen?“

Dein Kind hat ADHS – praktische Formulierungen für dein Kind

„Wir waren jetzt mit dir bei mehreren Fachleuten und haben verschiedene Tests gemacht. Diese Tests haben gezeigt, dass dein Gehirn auf eine besondere Weise arbeitet. Das nennt sich ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Das bedeutet, dass es für dich manchmal schwierig ist, deine Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren, und manchmal bist du sehr aktiv oder reagierst schnell, bevor du denkst. Das ist nicht deine Schuld, und es macht dich nicht schlecht oder dumm. Es bedeutet nur, dass dein Gehirn anders verdrahtet ist. Und die gute Nachricht ist: Es gibt viele Menschen mit ADHS, und es gibt viele Wege, wie wir dir helfen können. Wir werden gemeinsam mit Therapeuten arbeiten und lernen, wie du dein bestes Leben führen kannst.“

Zeit für dich und deine emotionale Verarbeitung

Abschließend möchte ich dir eines sagen, das oft übersehen wird: Du darfst auch Zeit brauchen, um diese Diagnose zu verarbeiten. Du musst nicht sofort positiv sein, du musst nicht sofort wissen, wie es weitergeht, und du darfst auch zweifeln.

Nimm dir Zeit, die Diagnose zu verarbeiten. Sprich mit deinem Partner, mit anderen Eltern von ADHS-Kindern, mit einem Therapeuten. Informiere dich, aber überfordere dich nicht mit Informationen. Du findest nicht alle Antworten in einer Woche, und das ist okay.

Wichtigste Erkenntnisse für diese Phase:

  • Die Diagnose ist nicht deine Schuld.
  • Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang von gezielter Hilfe.
  • Dein Kind braucht deine Ruhe, deine Verständnis und dein Vertrauen, dass es mit dieser Diagnose ein gutes Leben führen wird.
  • Es gibt professionelle Hilfe, Selbsthilfegruppen und viele andere Eltern, die diesen Weg gehen oder bereits gegangen sind.

Die ADHS-Diagnose ist kein Urteil sondern ein Türöffner. Und du machst das richtig, indem du informiert, unterstützend und liebevoll mit dieser neuen Information umgehst.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie gehe ich jetzt mit der ADHS-Diagnose um?

Zunächst einmal heisst es Ruhe bewahren, sammeln und dann Schritt für Schritt loslegen. Beginne damit, die Ergebnisse zu verstehen und was bereits ausgesprochene Empfehlungen sind. Besprich dich mit deinem Kind und versuche, es emotional zu stützen.

Ist es wichtig, meinem Kind zu erklären, dass es ADHS hat?


Ja, unbedingt. Denn dein Kind merkt, dass etwas anders ist oder nicht stimmt. Bevor es also Ängste entwickelt und sich etwas falsch vorstellt, solltest du ehrlich und auf Augenhöhe mit deinem Kind reden und ihm seine Diagnose erklären.

Ich habe Schuldgefühle, habe ich etwas falsch gemacht?

Nein, definitiv nicht! Die Ursache von ADHS liegt nicht in der Erziehung, sondern ist in einer eurobiologischen Entwicklungsstörung begründet.

Was heißt neurobiologische Entwicklungsstörung?

Eine neurobiologische Entwicklungsstörung ist eine Störung, die bereits im Kindesalter entsteht und durch Veränderungen in der Informationsverarbeitung und Funktion bestimmter Nervenzellen im Gehirn verursacht wird; sie betrifft die neurologische Entwicklung und zeigt sich typischerweise durch Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Nach der Diagnose, ist ADHS behandelbar?

Ja. Die Symptome bei deinem Kind können merklich gelindert werden. Hierzu wird auf mehrere Maßnahmen zurückgegriffen, zB. therapeutische, pädagogische und eventuell medikamentöse. „Weg gehen“ wird ADHS allerdings nicht.

Vertiefende Beiträge zu Ergebnis: Dein Kind hat ADHS

Jetzt, wo die Diagnose steht, geht es weiter mit den Maßnahmen.


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).