Medikamentenpause bei ADHS beim Kind

Medikamentenpause bei ADHS beim Kind

Hast du dich auch schon gefragt „Sollte mein Kind die ADHS-Medikamente wirklich jeden Tag nehmen? Oder kann es manchmal Pausen machen?“ Diese Fragen stellen sich die meisten Eltern von ADHS-Kindernt. Eine Medikamentenpause ist tatsächlich ein wichtiger Bestandteil einer verantwortungsvollen Langzeitbehandlung von ADHS. In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, was Medikamentenpausen sind, warum Ärzte sie empfehlen und wie ihr sie zusammen mit eurem Arzt sinnvoll umsetzen kannst.


Inhaltsverzeichnis


Was versteht man unter einer Medikamentenpause?

Medikamentenpausen sind bewusst geplante Zeiträume, in denen dein Kind sein ADHS-Medikament nicht einnimmt. Das klingt zunächst paradox – dein Kind nimmt das Medikament doch, um seine Symptome zu kontrollieren. Aber genau hier liegt der Clou: Diese gezielten Unterbrechungen der medikamentösen Behandlung sind nicht das Gegenteil einer guten Therapie, sondern ein wichtiger Teil davon.

Je nach Situationen können Medikamentenpausen unterschiedlich lange dauern:

Kurze Pausen

Am Wochenende oder einzelnen Tagen

Mittelfristige Pausen

Während schulfreier Wochen oder Kurzferien

Längere Pausen

In den Sommerferien (zwei bis vier Wochen)

Ärztlich geplante Auslassversuche

Mindestens einmal jährlich für etwa eine Woche

Hinweis: Medikamentenpausen sollten immer mit deinem behandelnden Arzt besprochen und geplant werden. Es geht nicht darum, eigenständig zu entscheiden, dass dein Kind heute keine Tablette bekommt. Eine ärztlich begleitete Pause ist eine therapeutische Maßnahme – ein bewusster Teil des Behandlungsplans.

Warum sind Medikamentenpausen sinnvoll und notwendig?

Die Gründe für Medikamentenpausen sind vielfältig und medizinisch begründet. Warum das so ist, möchte ich dir gerne detailliert erklären.

Die Wirkbeurteilung: Überprüfung der fortdauernden Notwendigkeit

Der primäre Grund für Medikamentenpausen ist die Überprüfung der therapeutischen Notwendigkeit. Die medizinischen Leitlinien empfehlen, mindestens einmal jährlich einen sogenannten Auslassversuch durchzuführen – also gezielt eine Woche Medikamentenpause einzulegen. Warum? Ganz einfach: ADHS verändert sich über die Jahre. Während dein Kind wächst und sich entwickelt, können sich auch die Symptome abschwächen oder verändern. Manche Kinder benötigen die Medikation weniger oder irgendwann gar nicht mehr.

Ohne regelmäßige Auslassversuche besteht das Risiko, dass dein Kind länger Medikamente erhält, als tatsächlich nötig wären. Eine Medikamentenpause schafft dir und dem Arzt die Chance, die aktuelle Wirkung und Notwendigkeit realistische einzuschätzen. Das ist wichtig für die prinzipielle Therapiephilosophie bei ADHS: 

„So wenig wie möglich, so viel wie nötig.“

Nebenwirkungen bewältigen: Appetit, Gewicht und Wachstum

Ein zweiter wichtiger Grund sind die Nebenwirkungen. Die häufigsten Nebenwirkungen von Methylphenidat und ähnlichen Stimulanzien bei Kindern sind:

  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen

Besonders Appetitlosigkeit und die daraus resultierenden Wachstumsprobleme sind für viele Eltern ein Thema. Hier zeigt sich aber auch, wie sinnvoll Medikamentenpausen sind: Wenn dein Kind während einer Pause, etwa in den Ferien, sein Medikament nicht nimmt, kehrt der Appetit oft schnell zurück. Das Kind isst wieder mehr, kann Gewicht zulegen und hat Zeit, etwaige Wachstumsverzögerungen wieder aufzuholen.

Studien haben gezeigt, dass regelmäßige Pausen, insbesondere in den längeren Schulferien, diesem Zweck sehr effektiv dienen. Das Wachstum, das möglicherweise durch die Medikation vorübergehend gebremst wurde, kann sich in der medikamentenfreien Zeit wieder normalisieren – dieses Phänomen wird auch als „Aufholwachstum“ bezeichnet (Studie).

Bewusstsein für die Wirksamkeit

Ein dritter Grund, der oft unterschätzt wird, ist die emotionale und praktische Perspektive für die ganze Familie.Wenn dein Kind regelmäßig Pausen macht, werdet ihr alle deutlich merken, welchen Unterschied das Medikament macht. Nach einer Woche ohne Tabletten wird die Wirkung der Medikation oft besonders klar – manche Eltern berichten, dass sie erst dann richtig verstehen, welche Unterstützung das Medikament ihrem Kind gibt.

Das kann auch Kindern helfen, die älter und selbstbewusster werden, denn sie lernen durch solche Pausen, welchen Effekt die Medikation auf ihr Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit hat.

Wie werden Medikamentenpausen praktisch umgesetzt?

Jetzt zur Praxis. Wie setzt du Medikamentenpausen ganz konkret um?

Die idealen Zeitpunkte für Medikamentenpausen

Wochenenden: Viele Ärzte schlagen vor, das Medikament am Wochenende auszusetzen – wenn dein Kind nicht zur Schule muss. Das ist besonders sinnvoll, wenn die Hauptnebenwirkung die Appetitlosigkeit ist. Während des Wochenendes kann dein Kind eine Mahlzeit mehr zu sich nehmen, besser schlafen und sich vom Schulstress erholen.

Allerdings – und das ist wichtig – sollte diese Entscheidung individuell getroffen werden. Manche Familien haben auch am Wochenende wichtige Aktivitäten, bei denen dein Kind die medikamentöse Unterstützung braucht. Das ist völlig legitim. Die Entscheidung sollte basieren auf:

  • Den individuellen Symptomen deines Kindes
  • Euren Wochenendaktivitäten und Anforderungen
  • Der Schwere der Nebenwirkungen

Schulferien und freie Wochen: In den längeren Ferien – besonders in den Sommerferien – werden regelmäßig mehrtägige bis mehwöchige Medikamentenpausen gemacht. Auch hier ist aber Augenmaß notwendig: Wenn der Urlaub mit Reisen, Besuch oder besonderen Aktivitäten verbunden ist, wo dein Kind die Unterstützung durch das Medikament braucht, spricht nichts dagegen, die Medikation beizubehalten.

Der geplante Auslassversuch: Mindestens einmal im Jahr sollte es einen gezielten, mit dem Arzt abgesprochenen Auslassversuch von etwa einer Woche geben. Dieser findet idealerweise in einem weniger stressigen Zeitraum statt – nicht unmittelbar vor wichtigen Schularbeiten oder während besonders herausfordernder Phasen. Ziel ist es, realistisch zu beobachten, wie dein Kind ohne Medikament funktioniert.

Die Durchführung

Planung mit dem Arzt: Besprich mit deinem Kinderarzt oder Psychiater konkret, welche Medikamentenpausen für dein Kind sinnvoll sind. Unterschiedliche Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse. Der Arzt wird mit dir abwägen, wo der Nutzen einer Pause überwiegt die möglichen Herausforderungen einer medikamentenfreien Zeit.

Dokumentation: Es ist hilfreich, wenn du während und nach der Medikamentenpause dein Kind beobachtest und Auffälligkeiten notierst:

  • Wie verhält sich dein Kind ohne Medikament?
  • Verschlimmern sich die ADHS-Symptome deutlich?
  • Verbessert sich der Appetit?
  • Schläft dein Kind besser?
  • Erhöht sich das Unfallrisiko oder die impulsiven Reaktionen?

Diese Beobachtungen sind wertvoll für das nächste Gespräch mit dem Arzt.

Kein abruptes Absetzen: Wenn längere Pausen geplant sind, wird das Medikament häufig nicht von einem Tag auf den anderen abgesetzt. Stattdessen wird die Dosis über mehrere Tage bis zu einer Woche stufenweise reduziert – dieses „Ausschleichen“ macht den Übergang sanfter. Nach der Pause erfolgt die Wiederaufnahme häufig auch gestuft.

Hinweise aus dem Klinikalltag

Keine Gewöhnung und keine Abhängigkeit: Medikamentenpausen führen nicht zu Gewöhnung oder Abhängigkeit! ADHS-Medikamente wie Methylphenidat verursachen – wenn sie bei echter ADHS diagnostiziert eingesetzt werden – keine psychische oder physische Abhängigkeit. Dein Kind wird nicht „abhängig“ von der Tablette. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis, das die Entscheidung für Medikamentenpausen manchmal unnötig belastet.

Erhöhte Unfallgefahr: Was du aber berücksichtigen solltest, ist, dass ohne Medikament die Impulsivität und Unaufmerksamkeit deines Kindes wieder stärker ausgeprägt sein können – mit den möglichen Folgen wie erhöhter Unfallgefahr oder schwieriger Verhaltensmanagement in der Familie. Das ist ein guter Grund, Medikamentenpausen bewusst in weniger risikoreiche Zeiten zu legen.

Individuelle Unterschiede: Manche Kinder merken kaum einen Unterschied, wenn sie ihr Medikament für ein Wochenende absetzen. Andere Kinder geraten deutlich aus dem Gleichgewicht. Das ist völlig normal und kein Zeichen von „Abhängigkeit“ – sondern einfach die individuelle Reaktion auf die Medikation. Dein Arzt wird das bei der Empfehlung berücksichtigen.

Medikamentenpausen sind Teil einer guten Therapie

Medikamentenpausen sind kein Zeichen schlechten Gewissens – im Gegenteil: Sie sind ein Zeichen verantwortungsvoller, leitliniengerechter Medikamentenbehandlung. Durch regelmäßige Pausen stellst du sicher, dass:

  • Dein Kind nur so lange Medikamente bekommt, wie es nötig ist
  • Die Nebenwirkungen minimiert werden
  • Du und der Arzt zusammen die aktuelle Notwendigkeit der Medikation überprüfen könnt
  • Dein Kind die Chance hat, zwischen medikamentiert und nicht-medikamentiert zu erleben, was die Tablette für es bedeutet

Die genaue Gestaltung von Medikamentenpausen – wie oft, wie lange, wann – sollte immer zusammen mit dem behandelnden Arzt entschieden werden. Es gibt keine pauschale Antwort, die für alle Kinder passt. Aber mit dieser Information und im Dialog mit deinem Arzt könnt ihr gemeinsam den richtigen Weg für dein Kind finden.

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Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).