Wenn bei deinem Kind ADHS diagnostiziert wurde, wirst du früher oder später mit der Frage konfrontiert, welches Medikament das Richtige ist. Dabei begegnen dir häufig zwei Namen: Medikinet und Ritalin. Beide enthalten den gleichen Wirkstoff – Methylphenidat – und doch gibt es wichtige Unterschiede zwischen ihnen. Dieser Artikel hilft dir zu verstehen, worum es geht, wie die beiden Medikamente wirken und erklärt, welche Besonderheiten es bei der Anwendung gibt.
Inhaltsverzeichnis
- Der gleiche Wirkstoff, unterschiedliche Präparate
- Wie wirkt Methylphenidat im Gehirn?
- Unterschiede in Freisetzung und Wirkdauer
- Die individuelle Reaktion
- Die Dosierung
- Befürchtungen von Eltern und die wichtigsten Fragen
- Das passende Präparat für dein Kind
- Exkurs: Die multimodale Therapie
Wenn bei deinem Kind ADHS diagnostiziert wurde oder dieser Verdacht besteht, wirst du früher oder später mit der Frage konfrontiert: Welches Medikament ist das richtige? Dabei begegnen dir häufig zwei Namen: Medikinet und Ritalin. Beide enthalten den gleichen Wirkstoff – Methylphenidat – und doch gibt es wichtige Unterschiede zwischen ihnen. Dieser Artikel hilft dir zu verstehen, worum es geht, wie die beiden Medikamente wirken und welche Besonderheiten es bei der Anwendung gibt.
Der gleiche Wirkstoff, unterschiedliche Präparate
Zunächst eine wichtige Klarstellung: Medikinet und Ritalin sind nicht dasselbe Medikament – aber sie enthalten denselben Wirkstoff.
Dieser Wirkstoff heißt Methylphenidat (kurz: MPH). Das ist wie bei Margarineprodukten oder Zahnpasta: Zwei unterschiedliche Marken können die gleiche Grundzutat enthalten, aber trotzdem in ihrer Zusammensetzung und Wirkweise variieren.
Methylphenidat ist ein sogenanntes Psychostimulans – das klingt beängstigend, ist aber genau das Gegenteil von „Beruhigungsmittel“. Es wirkt anregend und hilft dem Gehirn, besser zu funktionieren. Der Wirkstoff wurde bereits 1954 unter dem Namen Ritalin auf den Markt gebracht und ist einer der am längsten und besten untersuchten Wirkstoffe für die ADHS-Behandlung bei Kindern.
Wie wirkt Methylphenidat im Gehirn?
Um die Unterschiede zwischen den Präparaten zu verstehen, ist es hilfreich zu wissen, wie Methylphenidat überhaupt wirkt. Bei ADHS funktioniert der Botenstoffhaushalt im Gehirn nicht optimal. Zwei Botenstoffe sind dabei besonders wichtig: Dopamin und Noradrenalin. Diese sind wie die „Dirigenten“ deines Gehirns – sie sorgen dafür, dass Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsniveau richtig reguliert werden.
Bei Kindern mit ADHS ist der Dopaminspiegel zu niedrig. Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme dieser Botenstoffe in die Nervenzellen. Das bedeutet: Der Wirkstoff sorgt dafür, dass mehr Dopamin und Noradrenalin im Gehirn verfügbar bleiben und länger wirken können. Dadurch werden die Kontrollzentren des Gehirns besser aktiviert, und dein Kind kann sich besser konzentrieren, weniger impulsiv handeln und die Hyperaktivität nimmt ab.
Unterschiede in Freisetzung und Wirkdauer
Der entscheidende Unterschied zwischen Medikinet und Ritalin liegt in der Art und Weise, wie der Wirkstoff vom Körper aufgenommen wird – also in der Galenik (Herstellung). Es gibt verschiedene Formen:
Sofort freisetzende Präparate (Ritalin klassisch)
Die klassische Ritalin-Tablette setzt den Wirkstoff sofort frei. Das bedeutet: Die Wirkung tritt sehr schnell ein – etwa 30 bis 60 Minuten nach der Einnahme – und hält dann 3 bis 4 Stunden an. Danach ist die Wirkung vorbei. Wenn dein Kind länger Unterstützung braucht (z.B. auch nachmittags für die Hausaufgaben), muss die Tablette später erneut genommen werden. Das bedeutet: zwei bis drei Einnahmen pro Tag.
Ein Vorteil: Die Einnahme ist unabhängig von Mahlzeiten möglich. Du kannst die Tablette deinem Kind auf nüchternen Magen geben – das ist praktisch, wenn der Morgen chaotisch ist oder dein Kind nicht frühstückt.
Retard-Präparate (Medikinet retard, Ritalin LA)
Retard-Präparate funktionieren anders. Sie setzen den Wirkstoff gestaffelt frei. Das bedeutet: Der Wirkstoff wird nicht alle auf einmal freigegeben, sondern über den Tag verteilt. Medikinet retard und Ritalin LA setzen etwa 50% des Wirkstoffs sofort frei und die anderen 50% zeitverzögert. Das führt zu einer Wirkdauer von etwa 6 bis 8 Stunden – deutlich länger als bei sofort freisetzenden Präparaten.
Ein großer Vorteil: Dein Kind braucht nur eine Einnahme am Morgen, nicht mehrere über den Tag verteilt. Das ist praktischer und weniger stigmatisierend – dein Kind muss die Tablette nicht in der Schule nehmen, sondern nur zuhause vor der Schule.
Das Frühstück und Medikinet retard
Hier kommt ein entscheidender praktischer Unterschied, den du unbedingt wissen solltest: Medikinet retard muss mit einer Mahlzeit genommen werden – idealerweise zum Frühstück.
Warum? Die magensaftresistenten Pellets in der Kapsel von Medikinet retard brauchen einen bestimmten pH-Wert im Magen, um ihre verzögerte Freisetzung richtig zu funktionieren. Dieser pH-Wert stellt sich nur ein, wenn dein Kind etwas gegessen hat. Ohne Nahrung kann es zu einem sogenannten „Dose-Dumping“ kommen – der Wirkstoff wird zu schnell auf einmal freigesetzt, was zu stärkeren Nebenwirkungen führt.
Das ist wichtig für deine Familie: Frühstückt dein Kind regelmäßig? Wenn ja, ist Medikinet retard eine gute Wahl. Wenn dein Kind morgens nüchtern bleibt oder Frühstück zu Hause nicht möglich ist, solltest du eine sofort freisetzende Form (Ritalin oder Medikinet ohne Retard) oder Ritalin LA in Betracht ziehen – diese sind unabhängig von Mahlzeiten wirksam.
Die individuelle Reaktion
Hier kommt etwas, das viele Eltern überrascht: Es ist völlig normal, dass dein Kind auf das eine Präparat gut anspricht, auf das andere aber nicht – obwohl beide denselben Wirkstoff enthalten!
Warum? Die unterschiedlichen Herstellungsprozesse, die Bindemittel und die Art der Freisetzung können einen großen Unterschied machen – für deinen individuellen Kind. Dem einen Kind hilft Medikinet sehr gut, beim anderen wirkt Ritalin besser. Manchmal muss man mehrere Präparate ausprobieren, bis das richtige dabei ist.
Das ist kein Zeichen von „Versuch und Irrtum“, sondern normale medizinische Praxis. Deshalb wird bei der Eindosierung (dem Finden der richtigen Dosis und des richtigen Präparats) sehr individuell vorgegangen.
Wirkdauer im Alltag
Ein praktisches Beispiel: Wenn dein Kind nur vormittags Unterstützung in der Schule braucht, ist eine sofort freisetzende Ritalin-Tablette vollkommen ausreichend. Wenn aber dein Kind den ganzen Tag und auch nachmittags bei den Hausaufgaben Probleme hat, ist ein Retard-Präparat wie Medikinet retard oft besser – weil die Wirkung länger anhält und du nicht zweimal täglich dosieren musst.
Die Wirkdauer ist aber auch sehr individuell. Im Schnitt wirken Medikinet retard und Ritalin LA etwa 4,5 bis 5 Stunden, bei manchen Kindern aber auch bis zu 8 Stunden.
Die Dosierung
Die Dosierung ist bei beiden Präparaten ähnlich strukturiert, aber unterschiedlich in der Praxis:
Bei sofort freisetzenden Formen beginnt man meist mit 5 mg ein- bis zweimal täglich (z.B. morgens und mittags). Die Dosis wird dann je nach Verträglichkeit und Wirksamkeit wöchentlich um 5 bis 10 mg erhöht. Die Tageshöchstdosis für Kinder beträgt 60 mg.
Bei Retard-Präparaten wie Medikinet retard beginnt der Arzt ebenfalls mit einer niedrigen Dosis und erhöht sie stufenweise. Der Vorteil: Du gibst die Dosis einmal morgens, nicht mehrfach über den Tag.
Befürchtungen von Eltern und die wichtigsten Fragen
„Macht Methylphenidat mein Kind abhängig oder süchtig?“
Das ist wohl die größte Sorge vieler Eltern – und sie ist verständlich. Die gute Nachricht: Wenn Methylphenidat unter ärztlicher Kontrolle und in der richtigen Dosierung gegeben wird, macht es nicht abhängig. Zahlreiche Studien belegen dies.
Wichtig ist hier die Unterscheidung: Es gibt keine körperliche Abhängigkeit wie bei Drogen. Es gibt auch keine notwendige Dosissteigerung, um die gleiche Wirkung zu erhalten – anders als bei süchtig machenden Substanzen.
Ein interessanter Befund: Untersuchungen zeigen sogar, dass eine richtig dosierte ADHS-Behandlung das Risiko für Sucht später reduziert, nicht erhöht. Das liegt daran, dass die Symptome besser kontrolliert werden und das Kind nicht später „selbstmedikiert“.
„Verändert das Medikament die Persönlichkeit meines Kindes?“
Diese Angst begegnet vielen Eltern – die Sorge, dass das Kind „nicht mehr es selbst ist“. Das ist ein häufiges Missverständnis. Richtig dosiertes Methylphenidat macht Kinder nicht „apathisch“ oder „wie Roboter“.
Was passiert tatsächlich: Dein Kind wird nicht anderes, es wird selbst. Es kann sich besser konzentrieren, ist weniger impulsiv und weniger frustriert. Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder unter der Behandlung ruhiger, ausgeglichener und selbstbewusster werden – nicht, weil sie in ihrer Persönlichkeit verändert wurden, sondern weil die ADHS-Symptome weniger schwerwiegend sind.
Wenn dein Kind sich wirklich merkwürdig verändert, ungewöhnlich müde wird oder emotional flach wirkt, kann das ein Zeichen sein, dass die Dosis zu hoch ist. Das ist kein Grund zu paniken – es bedeutet nur, dass die Dosis angepasst werden muss.
Medikamente sind ein sehr umfangreiches Thema und bilden bei uns den Step 6 der ADHS-Journey© – Verändern ADHS-Medikamente mein Kind?
„Was sind die Nebenwirkungen?“
Ja, Methylphenidat hat Nebenwirkungen – aber die allermeisten sind mild und vorübergehend, besonders in den ersten Wochen.
Die häufigsten Nebenwirkungen sind:
- Appetitverlust (besonders in den ersten Wochen)
- Schlafstörungen (Einschlafprobleme, besonders wenn die Dosis zu spät am Tag gegeben wird)
- Kopfschmerzen, Übelkeit oder Mundtrockenheit
- Selten: Tics (unwillkürliche Zuckungen) bei etwa 1-2% der Kinder
Die gute Nachricht: Diese Nebenwirkungen lassen oft nach, wenn sich der Körper ans Medikament gewöhnt. Appetitverlust ist beispielsweise oft nach einigen Wochen nicht mehr vorhanden.
INFO: Eine ganz aktuelle internationale Studie (die sogenannte ADDUCE-Studie mit über 1.400 Kindern) hat die Langzeitsicherheit von Methylphenidat untersucht. Das Ergebnis: Methylphenidat führt nicht zu Wachstumsstörungen, nicht zu psychiatrischen Nebenwirkungen und nicht zu erhöhtem Suizidrisiko – bei ärztlich kontrollierter Einnahme.
„Kann mein Kind einfach Pause machen oder aufhören?“
Ja! Methylphenidat macht nicht abhängig, dein Kind wird also nicht „abhängig“ davon. Es ist möglich, regelmäßig Pausen einzulegen (z.B. in den Schulferien) oder die Behandlung zu beenden, wenn die ADHS-Symptome besser kontrolliert werden. Das solltest du aber immer mit dem Arzt besprechen – niemals eigenständig absetzen.
Das passende Präparat für dein Kind
Die Wahl zwischen Medikinet und Ritalin hängt von verschiedenen Faktoren ab:
Wähle eine sofort freisetzende Form (Ritalin, Medikinet ohne Retard), wenn:
- Dein Kind nicht regelmäßig frühstückt
- Du flexibel bei den Dosierungszeiten sein möchtest
- Dein Kind nur vormittags Unterstützung braucht
Wähle ein Retard-Präparat (Medikinet retard, Ritalin LA), wenn:
- Dein Kind regelmäßig frühstückt (bei Medikinet retard essentiell!)
- Du möchtest, dass die Wirkung über den ganzen Schultag anhält
- Du dir nur eine Einnahme pro Tag wünschst
- Eine durchgehende Wirkung von Vorteil ist
Exkurs: Die multimodale Therapie
Abschließend eine wichtige Erinnerung: Medikamente sind nie die ganze Lösung. Die modernen Leitlinien empfehlen eine multimodale Therapie – eine Kombination aus verschiedenen Bausteinen. Das bedeutet: Medikament + Verhaltenstherapie für dein Kind + Elterntraining + pädagogische Unterstützung in der Schule + möglicherweise Ergotherapie. Siehe hierzu auch unseren Step 5 der ADHS-Journey©.
Medikinet oder Ritalin sind ein Werkzeug in diesem Werkzeugkasten – aber nicht das einzige. Sie geben deinem Kind die Chance, von anderen Therapien zu profitieren, weil die Symptome weniger schwerwiegend sind.
Die Wahl des richtigen Medikaments – oder ob ein Medikament überhaupt nötig ist – sollte immer zusammen mit einem Facharzt oder einer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatriegetroffen werden. Diese werden dein Kind und deine Familie gründlich kennenlernen und die beste Entscheidung für eure individuelle Situation treffen.
Du hast die Unterschiede der beiden wichtigsten Medikamente kennengelernt. Du möchtest mehr Wissen?
Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).
