Verändern ADHS-Medikamente mein Kind?

Dies ist der unbekannte Bereich und hier wollen wir Licht ins Dunkel bringen.

Gleich vorweg: Nein, Medikamente bei ADHS verändern nicht dein Kind! Dennoch werden dich womöglich viele Fragen beschäftigen. Und genau die wollen wir jetzt hier beantworten.

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Wir behandeln das Thema ADHS bei deinem Kind als ADHS-Journey© in 8 Steps, du bist hier:

Step 6: Medikamente = schwerste Entscheidung überhaupt

Inhaltsverzeichnis

Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Behandlung ist für viele Eltern eine der schwierigsten, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Das ist völlig verständlich. Schließlich geht es um dein Kind, um sein Wohlbefinden und um deine Verantwortung als Elternteil. Verständliche Fragen tauchen auf: Ist das wirklich nötig? Ist das nicht schädlich? Wird mein Kind zum Zombie? Verändert sich seine Persönlichkeit? Und vielleicht fragst du dich auch: Könnte ich nicht auch einfach ohne Medikamente auskommen, nur mit Erziehung, Geduld und Liebe?

Lass uns diese Fragen sachlich und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse beantworten, damit du und deine Familie eine informierte und sichere Entscheidung treffen können. Das Wichtigste vorneweg: Es gibt kein Entweder-Oder, sondern nur ein individuelles Miteinander verschiedener Therapiebausteine, die genau auf dein Kind abgestimmt sind.

Das multimodale Behandlungskonzept verstehen

Bevor wir uns ausführlich mit Medikamenten auseinandersetzen, ist es wichtig, die multimodale Therapie zu verstehen. Multimodal bedeutet, dass verschiedene Behandlungsmaßnahmen wie Bausteine eines Hauses zusammenpassen und sich gegenseitig unterstützen. Es geht nicht darum, alle gleichzeitig zu starten, sondern sie intelligent und individuell sequenziell aufeinander aufzubauen. Hierauf sind wir im vorhergehenden Step 5 der ADHS-Journey©Optionen der ADHS-Therapie – näher eingegangen.

Die medizinischen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte empfehlen folgende Bausteine: Psychoedukation und Aufklärung (die Grundlage für alles), Elterntraining und Interventionen in der Familieschulische und pädagogische UnterstützungVerhaltenstherapie des Kindes, und wenn nötig, medikamentöse Therapie. Nicht alle Kinder brauchen alle Bausteine, und sie werden nicht alle gleichzeitig begonnen – dies wird individuell entschieden und richtet sich ganz nach der Schwere der ADHS, den Lebensumständen deiner Familie, den Ressourcen und der Prognose, ob andere Maßnahmen allein ausreichend sein können.

Stell dir vor: Bei einer leichten ADHS kann manchmal schon eine gute Psychoedukation, kombiniert mit strukturellen Veränderungen zuhause und schulischer Unterstützung, ausreichen. Bei einer mittelschweren ADHS werden vermutlich zusätzlich ein Elterntraining und eine Verhaltenstherapie notwendig. Aber bei einer schwer ausgeprägten ADHS, bei der dein Kind massiv unter seinen Symptomen leidet und wirklich in Schwierigkeiten ist, kann die Medikation nicht nur sinnvoll, sondern essentiell sein nicht um dein Kind zu „reparieren“ oder ruhigzustellen, sondern um es überhaupt erst therapiefähig zu machen.

ADHS-Medikament wird eingenommen
Verändern Medikamente für ADHS mein Kind?

Wann werden ADHS-Medikamente bei Kindern eingesetzt?

Die Entscheidung für Medikamente hängt von mehreren Faktoren ab und wird niemals leichtfertig getroffen. Hier sind die wichtigsten Kriterien:

Schweregrad der ADHS

Bei mittelschweren bis schweren Formen, bei denen dein Kind stark leidet, massive Probleme in der Schule hat, sich in gefährliche Situationen begibt oder zu aggressivem Verhalten neigt, sind Medikamente oft unverzichtbar. Wenn dein Kind beispielsweise trotz bester Bemühungen und Unterstützung kontinuierlich in der Schule scheitert, seine sozialen Beziehungen leiden oder es unter starker innerer Unruhe und emotionaler Dysregulation leidet, ist eine medikamentöse Unterstützung wissenschaftlich begründet.

Alter des Kindes

Methylphenidat ist ab 6 Jahren zugelassen. Bei jüngeren Kindern wird zunächst ausschließlich mit nicht-medikamentösen Maßnahmen gearbeitet. Das bedeutet aber nicht, dass diese Maßnahmen immer ausreichen – es ist einfach ein Sicherheitsprinzip. Die Gehirnentwicklung ist bei jüngeren Kindern noch sehr aktiv, und die Forschung hat sich bei älteren Kindern intensiver mit der Langzeitsicherheit beschäftigt.

Erfolglosigkeit anderer Maßnahmen

Dies ist ein zentraler Punkt: Wenn Verhaltenstherapie, Elterntraining, schulische Anpassungen und strukturelle Veränderungen zuhause allein nicht ausreichen, kann die Medikation eine wichtige Ergänzung sein. Das ist nicht „aufgeben“ oder „der einfache Weg“ – es ist im Gegenteil ein realistisches, wissenschaftlich fundiertes Vorgehen, wenn diese ersten Maßnahmen nicht den Erfolg bringen, den dein Kind braucht.

Deine Rechte als Elternteil

Die Entscheidung für Medikamente wird immer gemeinsam mit dir als Eltern getroffen. Du hast das absolute Recht, Fragen zu stellen, Bedenken zu äußern und auch Nein zu sagen. Ein guter und vertrauenswürdiger Arzt wird dir alle Vor- und Nachteile erklären, dich nicht unter Druck setzen und deine Bedenken ernst nehmen. Falls du dich unsicher fühlst, hast du auch das Recht, eine zweite Meinung einzuholen.

Der Hauptwirkstoff Methylphenidat

Der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff bei ADHS ist Methylphenidat (Handelsnamen: Ritalin, Medikinet, Concerta, Equasym und weitere). Es ist ein Wirkstoff, der seit über 60 Jahren erprobt ist und zu den am besten untersuchten Wirkstoffen der modernen Kinder- und Jugendmedizin gehört. Diese lange Geschichte und die vielen wissenschaftlichen Studien geben dir eine wichtige Sicherheit: Die Wirkung und die möglichen Nebenwirkungen sind gut dokumentiert.

Wie wirkt Methylphenidat?

Das ist eine wichtige Frage, die viele Eltern haben. Methylphenidat ist ein Stimulans – aber lass dich vom Namen nicht irritieren. Das bedeutet nicht, dass es dein Kind aufputscht oder aufgeregt macht wie eine Cola. Ganz im Gegenteil:

Methylphenidat erhöht die Verfügbarkeit der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Diese beiden Neurotransmitter sind wie Boten in deinem Gehirn – sie transportieren Nachrichten von einer Nervenzelle zur anderen. Bei ADHS ist ein Ungleichgewicht dieser Botenstoffe vorhanden: Sie werden zu schnell „abgebaut“ und stehen nicht in der richtigen Menge zur Verfügung, besonders in den Gehirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätssteuerung zuständig sind.

Das Medikament bremst sozusagen diesen zu schnellen Abbau und sorgt dafür, dass die Botenstoffe länger wirksam bleiben. Das ist keine Persönlichkeitsveränderung sondern eine neurochemische Normalisierung. Du reparierst nicht die Persönlichkeit deines Kindes, du stellst ein gestörtes Gleichgewicht wieder her.

Die Wirkdauer und verschiedene Präparatformen

Es ist wichtig zu verstehen, dass Methylphenidat verschiedene Formen gibt:

Kurzwirksame Präparate (wie klassisches Ritalin) wirken etwa 20-30 Minuten nach Einnahme und halten für etwa 3-4 Stunden. Sie sind gut für die Einstellungsphase geeignet, weil man schnell sieht, wie das Kind reagiert.

Langwirksame Retardpräparate (wie Concerta oder Medikinet retard) werden so entwickelt, dass sie den Wirkstoff über den ganzen Tag verteilt freigeben. Sie wirken etwa 8-12 Stunden, je nach Präparat. Der Vorteil: Dein Kind muss die Tablette nicht in der Schule einnehmen (was oft sozial belastend ist), und die Wirkung ist stabiler über den ganzen Tag verteilt.

Der individuelle Stoffwechsel deines Kindes spielt eine Rolle – etwa 5% der Kinder sind Superschnellverstoffwechsler, bei denen die Wirkung viel kürzer dauert. Deshalb ist es wichtig, dass der Arzt die Dosierung und die Präparatform individuell anpasst.

Positive Effekte – Was kann sich wirklich verändern?

Wenn die Dosierung richtig eingestellt ist – und das braucht oft etwas Geduld und mehrere Termine – zeigen sich folgende positive Veränderungen:

Bessere Konzentration und Aufmerksamkeit

 Dein Kind kann sich länger auf Aufgaben fokussieren, ist weniger ablenkbar und kann endlich dem Unterricht oder einer längeren Konversation folgen. Das ist nicht nur für die Schule wichtig – es ist auch für die Beziehung zu dir und zu anderen Menschen wertvoll.

Reduzierte Impulsivität

Weniger spontane, unüberlegte Handlungen, besseres „Nachdenken vor dem Handeln“. Dein Kind unterbricht weniger, platzt nicht mehr ständig mit Gedanken heraus, und es denkt in der Schule nach, bevor es antwortet.

Verbessertes Selbstwertgefühl

Dies ist ein großer Punkt. Ein Kind mit ADHS leidet oft unter ständigen negativen Rückmeldungen, Misserfolgen in der Schule und sozialer Ausgrenzung. Wenn die Medikation wirkt, kann dein Kind endlich Erfolgserlebnisse haben, die essentiell für seine psychische Gesundheit sind.

Mehr innere Ruhe

Weniger motorische Unruhe (das ständige Zappeln, Herumfuchteln), das Kind kann besser still sitzen, ruhiger arbeiten und sich selbst organisieren.

Verbesserte Selbstkontrolle

Weniger Wutausbrüche, bessere Frustrationstoleranz, weniger aggressive Reaktionen auf kleine Frustrationen. Dein Kind kann sich selbst besser regulieren.

Bessere soziale Integration

Durch ruhigeres, angepassteres Verhalten verbessern sich oft die Beziehungen zu Gleichaltrigen. Dein Kind wird nicht mehr als „der nervige“ wahrgenommen, sondern kann endlich zeigen, wer es wirklich ist.

Wichtig: Die Medikamente verändern NICHT die Persönlichkeit deines Kindes!

Ein Mythos

Das ist der wichtigste Mythos, den wir gleich zerstreuen müssen: Dein Kind bleibt es selbst – mit all seinen Stärken, seiner Kreativität und seinem Humor. Die Medikamente geben ihm lediglich die Möglichkeit, sein Potenzial besser zu entfalten und seine wahre Persönlichkeit überhaupt zeigen zu können.

Stell dir vor, dein Kind trägt eine Brille, weil es kurzsichtig ist. Die Brille verändert dein Kind nicht – sie hilft ihm nur, die Welt klar zu sehen. Genauso verhält es sich mit ADHS-Medikamenten: Sie sind eine „Gehirnbrille“. Wenn die optimale Dosierung gefunden ist, wird dein Kind nicht zum „Zombie“ – das ist ein hartnäckiger Mythos, der leider viele Eltern verunsichert.

Das Medikament wirkt auf den Botenstoffhaushalt ein, nicht weniger und nicht mehr. Es normalisiert die neurochemische Basis, auf der dein Kind funktioniert. Die restliche Persönlichkeit – die Träume, die Tränen, die Freude, die Leidenschaften – das alles bleibt. Wenn überhaupt, dann wird dein Kind echte Liebe, echte Wut und echte Kreativität endlich wieder zeigen können, ohne in ADHS-Symptomen verloren zu gehen.

Nebenwirkungen und wie man mit ihnen umgeht

Wie jedes Medikament kann auch Methylphenidat Nebenwirkungen haben. Das ist wichtig zu wissen, um realistisch zu bleiben. Aber hier die gute Nachricht: 

Die meisten Nebenwirkungen sind mild und vorübergehend, und es gibt gute Strategien, damit umzugehen.

Appetitlosigkeit: Viele Kinder essen mittags weniger. Das ist bei ADHS-Kindern eine der am häufigsten berichteten Nebenwirkungen. Aber es ist managebar:

  • Ein reichhaltiges Frühstück vor der Medikation
  • Warme, kalorienreiche Snacks tagsüber, die leicht zu essen sind
  • Das Hauptessen am Abend, wenn die Wirkung des Medikaments nachlässt
  • Hochkalorische Getränke (wie Smoothies mit Vollmilch und Früchten)
  • Regelmäßiges Wiegen und Wachstumskontrolle beim Arzt

Schlafprobleme: Einschlafschwierigkeiten können auftreten, besonders wenn das Medikament zu spät am Tag eingenommen wird. Hier kann die Einnahmezeit angepasst werden: normalerweise das Medikament morgens geben, oder wenn es ein Retardpräparat mit zwei Dosen ist, die zweite Dosis nicht später als 14 Uhr.

Kopfschmerzen: Meist zu Beginn der Therapie und verschwinden oft nach einigen Tagen von selbst, wenn sich der Körper an das Medikament gewöhnt.

Bauchschmerzen: Können ebenfalls zu Beginn auftreten, bessern sich oft schnell. Eine Einnahme mit leichtem Essen oder Milch kann helfen.

Nervosität oder leichte Reizbarkeit: Kann ein Zeichen für zu hohe Dosierung sein. Das ist eines der wichtigsten Zeichen dafür, dass der Arzt die Dosis anpassen sollte.

Gewichtsverlust bei Langzeitbehandlung: Bei längerer Einnahme kann es zu einer mäßigen Verzögerung der Gewichtszunahme oder des Wachstums kommen. Deshalb werden diese Parameter regelmäßig kontrolliert (etwa alle 6 Monate). Falls dies problematisch ist, gibt es verschiedene Lösungen: eine Dosisanpassung, Medikamentenpausen, oder in seltenen Fällen ein anderes Medikament.

Wenn Nebenwirkungen auftreten:

Die Kommunikation mit eurem behandelnden Arzt ist essentiell. Du solltest alle Beobachtungen dokumentieren und regelmäßig berichten. Bei anhaltenden oder starken Nebenwirkungen sollte die Dosierung angepasst oder ein anderes Präparat versucht werden. Es gibt auch Alternativen wie Atomoxetin (Strattera), das ein nicht-stimulierendes Medikament ist und andere Nebenwirkungsprofile hat.

Die beruhigende Realität: Langzeitsicherheit und wissenschaftliche Fakten

Dies ist vielleicht die wichtigste Information, die dich beruhigen kann: Methylphenidat ist eines der am besten untersuchten Medikamente der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Langzeitsicherheit ist wissenschaftlich bewiesen.

Eine großangelegte Studie namens ADDUCE-Studie (ADDUCE im Detail – wird finanziert von der Europäischen Union) hat 1.410 Kinder aus 27 europäischen Zentren über zwei Jahre verfolgt. Die Ergebnisse waren klar und beruhigend:

✓ Langfristige Einnahme führte NICHT zu verlangsamtem Wachstum oder Entwicklungsproblemen

 Es gab KEINE erhöhte Rate von psychiatrischen oder neurologischen Nebenwirkungen

 Es gibt KEINE Hinweise auf langfristige Schäden am Gehirn oder am Körper

 Es gibt KEINE körperliche Abhängigkeit – dein Kind wird nicht „süchtig“

Die MTA-Studie aus den USA, eine der größten Langzeitstudien, die je durchgeführt wurden, zeigt sogar: Medikationen mit Stimulanzien waren die wirksamste Behandlung nicht nur für die Symptomlinderung, sondern auch zur Vorbeugung von Unfällen, Sucht und Kriminalität im späteren Leben (zur Studie).

Skandinavische Kohortenstudien aus Norwegen und Schweden haben bestätigt: Bei Kindern, die Methylphenidat langfristig nehmen, besteht kein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder substanzbezogene Störungenim späteren Leben.

Das bedeutet: Nach sorgfältiger Diagnosestellung und genauer Aufklärung ist die medikamentöse Therapie zuverlässig, sicher, wirksam und bei richtiger Dosierung ungefährlich.

Die emotionale Seite von Eltern bei einer Medikation

Viele Eltern berichten, dass sie Schuldgefühle haben, wenn sie ihr Kind Medikamente geben. „Hätte ich es besser erziehen sollen?“ „Bin ich eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater, weil ich meinem Kind Medikamente gebe?“ Diese Gefühle sind völlig normal und verständlich – aber sie beruhen auf einem Missverständnis.

Weil es so wichtig ist wiederholen wir es gerne immer wieder: ADHS ist keine Erziehungsstörung. Es ist keine Folge von schlechter Erziehung, mangelnder Liebe oder nicht genug Disziplin. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die vom Gehirn herrührt, nicht vom Herzen oder der Erziehung. Wenn dein Kind ADHS hat, liegt das daran, dass sein Gehirn anders verdrahtet ist – nicht daran, dass du versagt hast.

Die Tatsache, dass du bereit bist, alles zu tun, um deinem Kind zu helfen – das zeigt deine Liebe und dein Engagement. Dies auch in die Betrachtung der Medikation zu tun, ist nicht etwas, das man dir vorwerfen kann. Es ist eine liebevolle und verantwortungsvolle Entscheidung.

Viele Eltern berichten nach Beginn einer Medikation auch von einer enormen Erleichterung: Der ständige Kampf lässt nach, die Familie ist weniger angespannt, das Kind leidet nicht mehr so sehr unter sich selbst. Das ist nicht „aufgeben“ – das ist bewusste Elternschaft basierend auf Fakten und Wissenschaft.

Mit dem Kind über das ADHS-Medikament sprechen
Einfühlsame Gespräche zu Medikamenten sind wichtig fürs Kind

Leitfaden: Mit deinem Kind über das Medikament sprechen

Es ist wichtig, dass du dein Kind nicht „überrumpelst“ mit einer Medikation. Je älter dein Kind, desto mehr sollte es in diese Entscheidung eingebunden werden. Hier sind praktische Tipps, wie du die Unterhaltung führst:

Für jüngere Kinder (6-9 Jahre):

Ehrlichkeit ohne Angst: Erkläre auf altersgerechte Weise, dass sein Gehirn anders arbeitet und dass das Medikament dem Gehirn hilft, besser zu funktionieren. Vermeide medizinische Fachjargon.

Beispiel: „Dein Gehirn ist wie ein Auto mit einem nicht optimal funktionierenden Motor. Das Medikament ist wie eine Wartung – es hilft dem Motor, besser zu laufen. Du wirst immer noch du sein, dein Auto wird nur besser fahren.“

Positive Rahmung: Fokussiere auf die Vorteile: „Mit dem Medikament wirst du dich in der Schule leichter konzentrieren können“ oder „Du wirst weniger wütend sein und mehr Spaß mit deinen Freunden haben.“

Beobachtungen: Lass es dein Kind selbst erleben und entdecken. Nach ein paar Tagen oder Wochen kannst du fragen: „Hast du bemerkt, dass du dich jetzt leichter auf die Hausaufgaben konzentrieren kannst?“ oder „Findest du, dass es leichter ist, in der Schule zuzuhören?“

Für ältere Kinder und Jugendliche (10+ Jahre):

Echte Mitsprache: Ältere Kinder sollten wirklich mitentscheiden können. Erkläre ihnen die Optionen, die Pros und Contras, und respektiere ihre Meinung.

Ehrliche Kommunikation über ADHS: Dein Kind verdient die Wahrheit: „Du hast ADHS, das bedeutet, dass gewisse Dinge für dein Gehirn schwerer sind. Das ist nicht deine Schuld und auch nicht die meine. Es ist einfach so. Das Medikament kann dir helfen, damit besser umzugehen – und deine Freunde und deine Schule beeinflussen lässt.“

Autonomie und Kontrolle geben: Jugendliche wollen Kontrolle über ihren Körper haben. Das ist normal und wichtig für ihr Selbstwertgefühl. Lass sie entscheiden, wann sie das Medikament nehmen (mit deiner Anleitung), ob sie Wasser oder Saft dazu trinken möchten, und stelle sicher, dass sie verstehen, dass sie jederzeit mit dir über Bedenken oder Nebenwirkungen sprechen können.

Psychoedukation einbeziehen: Erkläre die Wissenschaft auf eine Weise, die es versteht: wie Dopamin und Noradrenalin funktionieren, warum das Medikament wirkt, wie lange die Wirkung anhält. Viele Jugendliche fühlen sich durch Wissen empowert.

Normalisierung: Viele Millionen von Menschen nehmen ADHS-Medikamente – es ist nicht etwas Seltenes oder Schamhaftes. Erfolgreiche Menschen in Schule, Sport, Karriere und Kreativität nehmen diese Medikamente.

Allgemein wichtig im Gespräch:

Scham vermeiden: Sage niemals „Das ist eine Schande“ oder „Du musst das niemandem erzählen.“ Das verstärkt das Stigma und kann dazu führen, dass sich dein Kind schlecht fühlt.

Betonung der Selbstbestimmung: Erkläre: „Das Medikament hilft dir, aber du schaffst die Arbeit selbst. Es ist wie ein gutes Paar Laufschuhe beim Marathon – die Schuhe helfen dir zu laufen, aber du läufst selbst.“

Realistische Erwartungen: „Das Medikament wird nicht alles in deinem Leben ‚heilen‘. Du musst immer noch Hausaufgaben machen, du wirst immer noch manchmal Fehler machen. Aber es wird dir helfen, das einfacher und weniger anstrengend zu machen.“

Offene Tür für Fragen: Stelle sicher, dass dein Kind weiß, dass es jederzeit Fragen stellen kann oder über Probleme sprechen kann, die es mit dem Medikament hat.

Die Einstellungsphase: Geduld ist essentiell

Es ist gut zu wissen, dass die optimale Dosierung nicht am ersten Tag gefunden wird. Die Einstellung dauert normalerweise mehrere Wochen bis Monate.

Wie funktioniert die Titration?

Der Arzt beginnt mit einer niedrigen Dosis (z.B. 2,5-5 mg bei jüngeren Kindern oder 10 mg bei älteren Kindern und Jugendlichen) und erhöht sie etwa wöchentlich um 5-10 mg, bis die optimale Wirkung erreicht ist. Diese individualisierte Anpassung ist wichtig, weil jeder Körper anders reagiert.

Der Arzt wird dich bei jedem Besuch fragen:

  • Wie wirkt das Medikament?
  • Welche Nebenwirkungen beobachtest du?
  • Hat sich das Verhalten/die Konzentration deines Kindes verändert?
  • Wie geht es deinem Kind emotional damit?

Diese Informationen sind Gold wert für den Arzt – dokumentiere deine Beobachtungen, notiere genaue Zeiten von Nebenwirkungen und Veränderungen im Verhalten.

Regelmäßige ärztliche Kontrolle ein Muss

Eine medikamentöse Therapie erfordert engmaschige ärztliche Begleitung. Das ist nicht optional – es ist ein zentraler Teil der verantwortungsvollen Medikamentenbehandlung.

Einstellungsphase: Zu Beginn werden verschiedene Dosierungen getestet. Der Arzt wird dich vielleicht in den ersten 2-4 Wochen wöchentlich sehen wollen.

Regelmäßige Kontrollen etwa alle 3-6 Monate werden durchgeführt, um folgende Parameter zu überprüfen:

  • Gewicht und Körpergröße (zur Überwachung von Wachstumsproblemen)
  • Blutdruck und Puls (Stimulanzien können diese beeinflussen)
  • Allgemeines Befindlichkeit und psychischer Zustand
  • Nebenwirkungen und deren Schweregrad

Dosisanpassungen: Mit zunehmendem Alter und Körpergewicht muss die Dosis normalerweise angepasst werden. Was für einen 8-jährigen 30 kg schweren Jungen die richtige Dosis ist, ist es nicht mehr für denselben Jungen mit 12 Jahren und 50 kg.

Dein Feedback: Du solltest dem Arzt regelmäßig berichten, wie das Medikament wirkt, in welchen Situationen es besonders effektiv ist, und ob Probleme auftreten.

Medikamentenpausen – Ein wichtiges Konzept

Ein interessantes und manchmal missverstandes Konzept ist die Medikamentenpause. Die medizinischen Leitlinien empfehlen, dass du mit deinem Arzt jährlich oder alle zwei Jahre einen kontrollierten Auslassversuch durchführst.

Der Grund ist nicht, dass die Medikamente „schädlich“ sind, wenn man sie lange nimmt. Der Grund ist, dass dein Kind sich entwickelt und verändert. Vielleicht hat es genug neue Bewältigungsstrategien gelernt, vielleicht ist die ADHS weniger schwer geworden, oder vielleicht hat sich die Lebenssituation verändert. Der Auslassversuch hilft dem Arzt und dir zu entscheiden, ob die Medikation noch notwendig ist.

Wann sind Medikamentenpausen sinnvoll?

In den Schulferien können Pausen manchmal überlegt werden – aber nicht generell. Viele Eltern denken: „In den Ferien braucht mein Kind keine Medikamente, weil es nicht in die Schule muss.“ Das stimmt nur bedingt. ADHS-Symptome sind nicht nur in der Schule vorhanden – sie zeigen sich auch zuhause, in der Familie, bei Freunden. Ein Urlaub ohne Medikation kann für manche Kinder bedeuten, dass die Familie den Urlaub nicht genießen kann, weil das Kind unkontrollierter, impulsiver und aggressiver ist.

Wichtig: Jede Pause wird mit dem Arzt abgesprochen. Sie werden gemeinsam überlegen, ob es in dieser Situation sinnvoll ist, eine Pause zu versuchen. Falls ja, werden der Arzt und du beobachten: Verbessert sich der Appetit? Ist das Verhalten noch akzeptabel? Kann das Kind die sozialen Situationen bewältigen?

Wie wird eine Medikamentenpause durchgeführt?

Normalerweise wird die Dosierung nicht abrupt gestoppt, sondern über etwa eine Woche graduell reduziert. Dies ist weniger aus pharmakologischen Gründen (das ist nicht zwingend notwendig), sondern mehr aus psychologischen Gründen – um Rebound-Effekte zu minimieren und deinem Kind Zeit zu geben, sich an die Veränderung anzupassen. Nach der Pause wird die Medikation auch graduell wieder angehoben.

Alternativen zu Methylphenidat: Wenn es nicht wirkt oder nicht vertragen wird

Falls Methylphenidat nicht vertragen wird oder nicht ausreichend wirkt (was bei etwa 20-30% der Kinder der Fall ist), gibt es Alternativen:

Atomoxetin (Strattera): Dies ist kein Stimulans, sondern ein sogenannter selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Die Wirkung setzt langsamer ein (nach 2-4 Wochen), hält aber den ganzen Tag an. Es muss nur einmal täglich gegeben werden, was manchmal praktischer ist. Es hat ein anderes Nebenwirkungsprofil – bei manchen Kindern wirkt es besser, besonders wenn die emotionale Dysregulation im Vordergrund steht.

Amphetamine und Lisdexamfetamin (z.B. Elvanse): Diese sind normalerweise Mittel zweiter Wahl, aber bei einigen Kindern, die auf Methylphenidat nicht gut ansprechen, können sie sehr wirksam sein.

Guanfacin (Intuniv): Ein neueres Medikament, das seit 2016 in Deutschland zugelassen ist. Es wird verwendet, wenn andere Mittel nicht wirken oder nicht vertragen werden.

Die individuelle Mischung macht’s: Medikamente sind nicht die alleinige Lösung

Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft: Medikamente sind ein Hilfsmittel, aber nicht die Lösung. Sie wirken am besten in Kombination mit anderen Therapiebausteinen, siehe hierzu auch Optionen der ADHS-Therapie – Step 5:

  • Verhaltenstherapie hilft deinem Kind, neue Strategien zu lernen und Verhalten zu ändern
  • Elterntraining hilft dir, bessere Strategien im Umgang mit deinem Kind zu entwickeln
  • Schulische Unterstützung stellt sicher, dass die Strukturen an der Schule passen
  • Psychoedukation hilft allen, ADHS besser zu verstehen

Die beste Behandlung ist diese Kombination – medikamentös, verhaltenstherapeutisch und umweltgestaltend. Mit dieser umfassenden multimodalen Therapie zeigen Studien die besten Ergebnisse nicht nur für die Symptomlinderung, sondern auch für die langfristige Entwicklung und das Selbstwertgefühl deines Kindes.

Jetzt heißt es eine Entscheidung zu treffen

Die Entscheidung für oder gegen Medikamente ist eine persönliche Entscheidung, die du zusammen mit deinem Kind (wenn es alt genug ist) und dem Arzt treffen solltest. Es gibt kein Richtig oder Falsch, es gibt nur das Richtige für deine Situation, dein Kind und deine Familie.

Was wir wissen: Bei schwerer ausgeprägter ADHS sind Medikamente wirksam, sicher und oft notwendig. Sie geben vielen Kindern die Chance, in der Schule erfolgreich zu sein, soziale Beziehungen aufzubauen und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die wissenschaftliche Evidenz ist klar, und die langfristige Sicherheit ist belegt.

Das Wichtigste ist, dass du eine informierte Entscheidung triffst, nicht aus Angst oder aus Druck, sondern aus Verständnis und dem klaren Wunsch, deinem Kind das Beste zu geben. Mit dieser Grundhaltung wirst du die richtige Entscheidung für deine Familie treffen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Verändern ADHS-Medikamente mein Kind?

Nein. Medikamente stellen ein gestörtes Gleichgewicht wieder her, sie verändern nicht die Persönlichkeit. Stell dir vor: eine Brille für kurzsichtige Augen. Die Brille verändert dein Kind nicht, sie hilft ihm nur, klar zu sehen. Genauso funktionieren ADHS-Medikamente. Mit der richtigen Dosierung kann dein Kind seine wahre Persönlichkeit zeigen.

Wann sollte mein Kind Medikamente bekommen?

Bei leichten Formen reichen oft Elterntraining und Verhaltenstherapie aus. Bei mittelschweren bis schweren Formen, wenn dein Kind massiv leidet, sind Medikamente oft unverzichtbar. Methylphenidat ist ab 6 Jahren zugelassen. Die Entscheidung wird immer gemeinsam mit deinem Arzt getroffen.

Wie wirkt Methylphenidat?

Methylphenidat erhöht die Verfügbarkeit der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn – zuständig für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätssteuerung. Bei ADHS werden diese zu schnell abgebaut. Das Medikament bremst diesen Abbau. Es wirkt nach 20–30 Minuten, kurzwirksam 3–4 Stunden oder langwirksam 8–12 Stunden.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Häufig: AppetitlosigkeitSchlafprobleme. Selten: Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Nervosität kann ein Zeichen für zu hohe Dosierung sein. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind essentiell: Gewicht, Größe, Blutdruck werden überwacht.

Ist Methylphenidat wirklich sicher?

Ja. Es ist eines der am besten untersuchten Medikamente – über 60 Jahre Erfahrung. Große Langzeitstudien zeigen: keine Langzeitschäden, keine Abhängigkeit, kein erhöhtes Sucht- oder Herzrisiko im späteren Leben.

Muss mein Kind das Medikament für immer nehmen?

ADHS bleibt lebenslang, aber nicht jedes Kind braucht ein Leben lang Medikamente. Die Leitlinien empfehlen, jährlich einen kontrollierten Auslassversuch mit deinem Arzt durchzuführen. Dein Kind entwickelt sich, lernt neue Strategien – die Medikation könnte dann nicht mehr notwendig sein.


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Und jetzt gehts in die Praxis mit erprobten Tipps, zunächst für die Schule.


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).