Wer darf ADHS bei Kindern diagnostizieren?

Wer darf ADHS bei Kindern diagnostizieren? Guide zu den Spezialisten

Wenn du den Verdacht hegst, dass dein Kind ADHS haben könnte – oder wenn sich dieser Verdacht bereits erhärtet hat – fragst du dich wahrscheinlich: Wer ist eigentlich der richtige Ansprechpartner? Kann es mein Kinderarzt diagnostizieren? Oder brauchst du zwingend einen Psychiater?


Inhaltsverzeichnis


Als Antwort kann ich dir sagen, dass es mehrere qualifizierte Fachpersonen gibt, die ADHS bei Kindern diagnostizieren dürfen. Aber nicht alle sind gleich spezialisiert, und hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. In diesem Artikel nehmen wir dich mit auf die Suche nach dem richtigen Spezialisten für dein Kind.

Es gibt verschiedene Wege zur ADHS-Diagnostik

Das Wichtigste vorneweg: Du darfst nicht alle Hoffnung aufgeben, wenn der eine Facharzt gerade keine Plätze frei hat. Die ADHS-Diagnostik kann von verschiedenen qualifizierten Fachpersonen durchgeführt werden. Das Bundesgesundheitsministerium und führende Fachverbände sind sich einig: Nur in der Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten erfahrene Ärztinnen und Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten können nach einer gründlichen Untersuchung feststellen, ob wirklich eine ADHS vorliegt.​

Das ist ganz bewusst so gestaltet, denn die ADHS-Diagnostik ist anspruchsvoll und erfordert echte Fachkompetenz. Es geht nicht darum, ein Kind in eine Schublade zu stecken – es geht darum, herauszufinden, ob die beobachteten Symptome wirklich auf ADHS hindeuten oder ob eine ganz andere Erklärung hinter dem Verhalten steckt.

Der erste Anlaufpunkt: Dein Kinderarzt

Wie wir auch in Step 2 der ADHS-Journey© – Vorgehen bei ADHS-Verdacht erklären, ist dein Kinderarzt in der Regel der beste erste Ansprechpartner. Das hat ganz pragmatische Gründe: Er kennt dein Kind bereits, verfügt über die bisherige medizinische Geschichte und kann eine erste Einschätzung vornehmen.​

Der Kinderarzt kann grundsätzlich auch die ADHS-Diagnostik durchführen, wenn er die nötige Erfahrung und das Fachwissen in diesem Bereich hat. Viele Kinderärzte sind tatsächlich in der ADHS-Diagnostik fortgebildet und spezialisiert. Das ist völlig legale und anerkannte Praxis.

Aber Achtung: Nicht jeder Kinderarzt verfügt über die tiefgehende Spezialisierung auf ADHS. Wenn dein Kinderarzt dir sagt, dass er sich damit nicht so gut auskennt oder dass er dich lieber an einen Spezialisten verweisen möchte – das ist ein gutes Zeichen für professionelle Ehrlichkeit, nicht für Ablehnung.​

Was macht dein Kinderarzt beim Erstgespräch?

Im Erstgespräch wird dein Kinderarzt:

Eine ausführliche Anamnese erheben

Detaillierte Fragen zu den Symptomen, deren Beginn und Ausprägung stellen

Eine körperliche Untersuchung durchführen

Um andere medizinische Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen auszuschließen

Nach dem Leidensdruck fragen

Wie sehr beeinträchtigen die Symptome dein Kind im Alltag?

Eine erste Einschätzung geben

Ob ein Verdacht auf ADHS berechtigt ist und ob eine spezialisierte Diagnostik sinnvoll ist​

Die Spezialisten für ADHS-Diagnostik

Wenn dein Kinderarzt die Diagnostik nicht selbst durchführt – oder wenn du bereits weißt, dass du einen Spezialisten brauchst – gibt es mehrere qualifizierte Fachpersonen, an die du dich wenden kannst.

1. Der Kinder- und Jugendpsychiater

Der Kinder- und Jugendpsychiater (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) ist in vielerlei Hinsicht der „Vollprofi“ wenn es um ADHS geht.​

Qualifikation: Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie hat nach seinem Medizinstudium eine fünfjährige spezialisierte Facharztweiterbildung absolviert. Diese Weiterbildung ist intensiv strukturiert und umfasst Praktika in verschiedenen Bereichen, Selbsterfahrung und theoretische Schulungen. Das bedeutet: Ein Kinder- und Jugendpsychiater kennt sich mit ADHS nicht nur oberflächlich aus – er oder sie ist ein echter Experte.​

Was der Kinder- und Jugendpsychiater kann:

  • Umfassende ADHS-Diagnostik durchführen
  • Medikamente verschreiben und dosieren
  • Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) erkennen und behandeln
  • Unterschiedliche Erscheinungsformen von ADHS differenzieren

Besonderheit: Der Kinder- und Jugendpsychiater kann nicht nur diagnostizieren, sondern auch direkt in die Behandlung gehen – mit Medikamenten, wenn nötig.​

2. Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (mit Approbation) ist ein psychologischer Psychotherapeut mit spezieller Weiterbildung für Kinder und Jugendliche.​

Qualifikation: Ein Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut hat zunächst ein Psychologiestudium absolviert (Bachelor und Master mit Schwerpunkt „Klinische Psychologie und Psychotherapie“). Nach bestandener Approbationsprüfung folgt eine weitere fünfjährige spezialisierte Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Das bedeutet: Auch dies ist eine tief spezialisierte Ausbildung mit sehr hohen Anforderungen.​

Was der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut kann:

  • Vollständige ADHS-Diagnostik durchführen (außer körperliche Untersuchungen)
  • Psychologische Testverfahren durchführen und interpretieren
  • Therapeutische Interventionen anbieten und Psychotherapie durchführen

Besonderheit: Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut kann ADHS diagnostizieren und verschiedene Therapien durchführen. Er darf aber keine Medikamente verschreiben. Das ist ein entscheidender Punkt: Wenn eine medikamentöse Behandlung geplant ist, muss diese von einem Arzt (typischerweise dem Kinder- und Jugendpsychiater) übernommen werden, das ist aber in jedem Fall erst nach der Diagnose ein Thema.​

3. Das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ)

Das Sozialpädiatrische Zentrum ist eine spezialisierte Einrichtung, die oft an Kliniken oder Fachzentren angesiedelt ist. Hier arbeitet ein Team aus verschiedenen Fachleuten zusammen: Kinderärzte mit Schwerpunkt Sozialpädiatrie, Psychologen, Therapeuten und andere Spezialisten.

Qualifikation: Die Ärzte im SPZ haben sich auf neuropädiatrische Diagnostik spezialisiert, die Psychologen verfügen über Expertise in psychologischer Testdiagnostik.​

Was das SPZ bietet:

  • Umfassende interdisziplinäre Diagnostik mit verschiedenen Blickwinkeln
  • Wöchentliche Teamsitzungen zur Diagnosefeststellung​
  • Beratung mit konkretem Therapie- und Förderkonzept​
  • Expertise bei komplexen oder seltenen Fällen

Besonderheit: Das SPZ schaut auf dein Kind aus verschiedenen Perspektiven – medizinisch, psychologisch, entwicklungsdiagnostisch. Das kann besonders wertvoll sein, wenn unklar ist, ob „reine ADHS“ vorliegt oder ob Begleiterkrankungen eine Rolle spielen.​

4. Der psychologische Psychotherapeut mit ADHS-Zusatzqualifikation

Es gibt auch psychologische Psychotherapeuten (Erwachsenenpsychotherapeuten mit Zusatzqualifikation), die sich auf die Diagnostik und Behandlung von ADHS bei Kindern spezialisiert haben.

Qualifikation: Diese Therapeuten haben ein Psychologiestudium sowie eine reguläre Psychotherapieausbildung mit dem Fokus auf Erwachsene absolviert und haben sich durch anerkannte Fortbildungen im Bereich ADHS spezialisiert.​

Was der psychologische Psychotherapeut kann:

  • ADHS-Diagnostik durchführen
  • Psychologische Tests und Testverfahren einsetzen​

Wichtig: Bei dieser Gruppe musst du genauer hinschauen. Die Berufsbezeichnung „psychologischer Psychotherapeut“ ist geschützt und setzt Approbation voraus. Allerdings gibt es auch reine „Psychologen“, also ohne Psychotherapieausbildung, die Fortbildungen zum Thema ADHS absolviert haben – diese dürfen formal keine Diagnose stellen.

Das klingt kompliziert, ist aber wichtig: Ein reiner Psychologe (mit Master in Klinischer Psychologie, aber ohne Approbation als Psychotherapeut) kann zwar diagnostische Tests durchführen – aber die eigenständige Diagnosestellung ist ihm nicht erlaubt. Daher ist es essentiell zu prüfen, ob derjenige, an den du dich wendest, tatsächlich eine Approbation hat (meist auf der Website oder auf Nachfrage zu erfahren).​

Welche Qualifikationen zeigen Fachkompetenz?

Nicht jeder, der sich auf ADHS spezialisiert hat, hat die gleiche Fachkompetenz. Hier sind die echten Qualitätsmerkmale, auf die du achten solltest:

Formale Anerkennung

  • Facharzttitel (z.B. „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie“)
  • Approbation (für Psychotherapeuten – diese ist staatlich verankert)
  • Spezialisierung auf Basis der S3-Leitlinie: Die Diagnostik erfolgt gemäß der aktuellen, wissenschaftlich basierten Leitlinien, die von führenden Fachverbänden erstellt wurden

Praktische Erfahrung

  • Der Spezialist arbeitet regelmäßig mit Kindern mit ADHS
  • Es gibt eine hohe Anzahl von ADHS-Fällen in der Praxis oder Klinik
  • Der Therapeut nimmt regelmäßig an Fortbildungen zu ADHS teil

Diagnostischer Prozess

  • Es wird nicht nur ein Test gemacht und darauf hin eine Diagnose gestellt​
  • Es werden mehrere Sitzungen für die Diagnostik eingeplant (üblicherweise 3–5 Termine)​
  • Es werden Informationen von verschiedenen Bezugspersonen eingeholt (Eltern, Lehrer, Erzieher)​
  • Es wird genau überprüft, ob die Symptome in verschiedenen Lebensbereichen auftreten

Zusammenarbeit und Netzwerk

  • Der Spezialist arbeitet ggf. mit anderen Fachleuten zusammen
  • Es gibt einen Kontakt zu regionalen ADHS-Netzwerken oder spezializierten Zentren

Wie finde ich den richtigen Spezialisten für mein Kind?

Jetzt kennst du die verschiedenen Optionen – aber wie findest du konkret jemanden, der für dein Kind passt? Unser Guide mit praktischen Strategien:

1. Starte mit deinem Kinderarzt

Wie bereits erwähnt: Dein Kinderarzt ist der beste Einstiegspunkt. Im Gespräch kannst du direkt fragen:

  • „Diagnostizierst du ADHS selbst, oder leitest du weiter?“
  • „Wenn du weiterleitest – an wen würdest du mich empfehlen?“
  • „Wer in unserer Region hat sich spezialisiert?“

Ein guter Kinderarzt kennt die regionalen Spezialisten und kann eine fundierte Empfehlung geben.

2. Nutze die Terminservicestelle 116117

In Deutschland gibt es die Terminservicestelle 116117, ein kostenfreier Service der Kassenärztlichen Vereinigungen. Du kannst dort anrufen oder online suchen und wirst bei der Suche nach Terminen bei Fachärzte und Psychotherapeuten unterstützt (Guide). Du kannst explizit nach Spezialisten für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit ADHS-Schwerpunkt fragen.

3. Lokale und regionale ADHS-Netzwerke nutzen

Das Zentrale ADHS-Netz (www.zentrales-adhs-netz.de) bietet Listen von regionalen Versorgungsnetzwerken. Diese Netzwerke sind interdisziplinär organisiert und bündeln spezialisierte Fachleute in deiner Region. Das ist eine goldwerte Ressource.​

4. Die Suche in Online-Verzeichnissen

Es gibt spezialisierte Suchportale wie:

  • Therapie.de: Ein deutschlandweites Psychotherapeuten-Suchportal​
  • ADXS.org: Datenbank mit Adressen von Ärzten und Therapeuten mit ADHS-Kompetenz
  • Krankenkasse: Viele Krankenkassen bieten auf ihrer Website eine Suche nach niedergelassenen Fachleuten an

Bei der Suche solltest du gezielt nach „ADHS-Spezialist“, „Kinder- und Jugendpsychiater“ oder „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut“ suchen.

5. Selbsthilfegruppen und Online-Communities

Der Austausch mit anderen Eltern ist unbezahlbar. ADHS-Deutschland e.V. bietet Selbsthilfegruppen und Kontakt zu Fachleuten an. Viele Eltern in deiner Region haben bereits die gleiche Suche durchgemacht und können Empfehlungen geben.

Warnsignale: Wann solltest du vorsichtig sein?

Es gibt leider auch „Angebote“ zur ADHS-Diagnostik, denen du misstrauen solltest. Hier sind rote Flaggen:

Zu schnelle Diagnose

Wenn dir nach einer Sitzung oder nach einem einzigen Test gleich eine ADHS-Diagnose gestellt wird – Vorsicht. Eine seriöse ADHS-Diagnostik braucht Zeit, mehrere Termine und eine gründliche Untersuchung.​

Keine körperliche Untersuchung

Ein wichtiger Teil der ADHS-Diagnostik ist die körperliche und neurologische Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen. Wenn dies komplett fehlt, ist das ein Zeichen mangelhafter Diagnostik.​

Nur psychologische Tests, keine Anamnese

ADHS kann nicht allein auf Basis von psychologischen Tests diagnostiziert werden. Es braucht intensive Gespräche mit den Eltern, Informationen von Lehrern und Erziehern, sowie eine gründliche Lebensgeschichte.​

Psycholog*innen ohne Approbation

Achte darauf, dass derjenige, der die Diagnose stellt, auch die Qualifikation dazu hat. Ein reiner Psychologe (ohne Psychotherapieapprobation) darf zwar diagnostische Tests durchführen, darf aber keine eigenständige Diagnose stellen.

Fehlende Differentialdiagnose

Eine gute Diagnostik schließt auch andere mögliche Ursachen aus – Schilddrüsenprobleme, Schlafstörungen, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen usw.. Wenn dieser Ausschluss nicht stattfindet, ist das ein Zeichen unzureichender Diagnostik.​

Der Kosten-Aspekt: Kasse oder privat?

Ein wichtiger praktischer Punkt: Wie wird die Diagnostik bezahlt?

Kassenleistung: Wenn du zu einem Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit Kassenzulassung gehst, wird die Diagnostik in der Regel von deiner Krankenkasse bezahlt (gesetzliche oder private Krankenversicherung).

Wartezeiten: Allerdings: Kassenzulassungen sind begrenzt, und es gibt bundesweit lange Wartezeiten – teilweise mehrere Monate. Das ist frustrierend, aber leider die Realität der Versorgungslage in Deutschland.​

Private Zahlungen: Es gibt auch Privatpraxen, die ADHS-Diagnostik anbieten. Diese arbeiten oft schneller, kosten dafür aber – je nach Umfang – 300–1.000 Euro. Hier lohnt sich die Vorrecherche: Ist diese Person wirklich qualifiziert? Hat sie Erfahrung mit Kindern?

Fazit: Du darfst hohe Ansprüche haben

Eine ADHS-Diagnostik ist eine wichtige Entscheidung für dein Kind und deine Familie. Du darfst also hohe Ansprüche stellen – an die Qualifikation des Diagnostikers, an den Umfang der Untersuchung und an die Zeit, die investiert wird.

Es gibt nicht DEN einen richtigen Weg, sondern mehrere: Ob dein spezialisierter Kinderarzt, ein Kinder- und Jugendpsychiater, ein Psychotherapeut oder ein sozialpädiatrisches Zentrum – wichtig ist, dass die Person oder Einrichtung:

  • Wirklich spezialisiert auf ADHS ist
  • Nach aktuellen Leitlinien diagnostiziert
  • Zeit für eine gründliche Abklärung nimmt
  • Differentialdiagnosen ausschließt
  • Mit dir als Elternteil kommuniziert

Der Aufwand, den richtigen Spezialist zu finden, lohnt sich. Eine fundierte, sorgfältig gestellte Diagnose ist die Grundlage für alle folgenden Schritte – ob Therapie, schulische Unterstützung oder medikamentöse Behandlung. Und genau das ist es wert, gut recherchiert zu sein.

Es gibt noch mehr Unterstützung bei ADHS-Verdacht bei deinem Kind.


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).