Wie lernen ADHS-Kinder am besten?

Wie lernen ADHS-Kinder am besten?

Dein Kind hat ADHS und die Schule wird zum Kampfplatz? Hausaufgaben enden in Tränen und Frust? Dann fragst du dir wahrscheinlich: Wie kann mein Kind überhaupt noch lernen, wenn die Konzentration immer wieder wegdriftet?


Inhaltsverzeichnis


Die gute Nachricht: Es gibt bewährte Strategien, die speziell auf die Besonderheiten von ADHS-Gehirnen abgestimmt sind. Mit den richtigen Lernmethoden kann dein Kind deutlich besser lernen – und wichtig: mit weniger Stress für die ganze Familie.

Das Wichtigste vorneweg: ADHS-Kinder lernen nicht falsch. Sie lernen anders. Sie haben oft ein anderes Arbeitsgedächtnis (die Fähigkeit, mehrere Informationen gleichzeitig im Kopf zu behalten), brauchen mehr Struktur und profitieren stark von Abwechslung. Mit diesen Erkenntnissen können wir Lernstrategien gestalten, die wirklich funktionieren. Dieser Beitrag gehört zu Step 7 der ADHS-Journey©Hilfe bei ADHS in der Schule.

Die Grundlagen: Was hilft bei ADHS beim Lernen?

1. Struktur schafft Sicherheit – auch beim Lernen

ADHS-Kinder brauchen feste Lernstrukturen wie ein Gerüst. Das beruhigt das Gehirn und ermöglicht erst richtige Konzentration. Das bedeutet konkret:

Ein fester Lernplatz und feste Lernzeiten

Immer um 15 Uhr nach der Schule, immer am gleichen Schreibtisch. Das Gehirn verknüpft diese Situation mit fokussiertem Arbeiten. Nach wenigen Wochen wird es automatisch einfacher.

Alles vorbereiten, bevor es losgeht

Alle benötigten Materialien liegen schon da – Stifte, Hefte, Bücher, Wasser. Dein Kind soll nicht erst suchen müssen. Jede Unterbrechung führt dich vom „Lernmodus“ weg.

Eine tägliche Routine

Immer in der gleichen Reihenfolge. Erst Tasche auspacken, dann Wasser trinken, dann mit der Aufgabe beginnen. Diese Automatismen entlasten das Gehirn – es kann sich auf das Wichtige konzentrieren: das Lernen.

2. Pausen sind nicht Faulheit – sondern Strategie

Das ist das Gegenteil von dem, was du vielleicht gehört hast: Pausen sind nicht die Feinde des Lernens, sondern seine besten Freunde. Besonders bei ADHS.

Das ADHS-Gehirn braucht regelmäßige „Erholungspausen“. Das ist neurobiologisch bedingt. Der präfrontale Kortex (der Bereich im Gehirn, der für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig ist) ermüdet schneller als bei nicht-betroffenen Kindern.

Die Regel: Nach 15-20 Minuten konzentriertes Arbeiten eine kurze Bewegungspause einlegen. Das ist nicht zu lange und nicht zu kurz.

Nutze die Pause für:

  • Schnelle Bewegung (5 Hampelmänner, eine Runde durch den Garten laufen)
  • Trinken und Atmen
  • Kurzes Entspannen

Nach der Pause kann sich dein Kind wieder konzentrieren – oft sogar besser als vorher.

3. Der Arbeitsplatz muss reizarm sein

Kinder mit ADHS sind leicht ablenkbar. Ihr Gehirn filtert Umweltreize nicht so gut wie bei anderen Kindern – alles dringt rein. Daher ist eine reizarme Umgebung essentiell:

Aufgeräumter Schreibtisch

Nur die Dinge, die gerade gebraucht werden

Keine visuellen Ablenkungen

Nicht in Sichtweite von Spielzeugen oder anderen interessanten Objekten

Ruhe

TV aus, wenn möglich Handy aus oder in anderem Zimmer

Optional Hintergrundmusik

Manche Kinder konzentrieren sich besser mit leiser Musik ohne Text. Das ist individuell verschieden.

Unterschied Grundschule vs. Weiterführende Schule

Hier wird es wichtig: ADHS-Kinder zeigen oft unterschiedliche Herausforderungen je nach Schultyp und Alter. Die Strategien müssen daher unterschiedlich aussehen.

Grundschule (1.-4. Klasse): Aufmerksamkeit trainieren

In der Grundschule ist das Arbeitsgedächtnis die größte Baustelle. Dein Kind soll sich eine Aufgabe merken, mehrere Schritte hintereinander ausführen und Informationen verarbeiten. Das fällt schwer.

Was gut funktioniert in der Grundschule:

Checklisten und Visualisierung: Schreib Arbeitsschritte auf oder male sie. Statt „Mach deine Hausaufgaben“ besser:

  1. Tasche auspacken ✓
  2. Mathe 10 Minuten ✓
  3. Kleine Pause ✓
  4. Deutsch 10 Minuten ✓
  5. Aufgeräumt zurückstellen ✓

Kleine Aufgabenportionen: Nicht: „Bearbeite alle 20 Mathe-Aufgaben.“ Sondern: „Bearbeite Aufgabe 1-5, dann Pause.“ Das macht die Aufgabe überschaubar.

Farben und Bewegung: Nutze farbliche Markierungen. Lass dein Kind beim Lernen auch bewegen – nicht nur sitzen. Ein Stehpult, ein Balancekissen oder einfach mit den Hausaufgaben ins Wohnzimmer.

Positive Verstärkung: Lobe konkret: „Toll, dass du 10 Minuten konzentriert gearbeitet hast!“ Das wirkt motivierender als allgemeines Lob.

Weiterführende Schule (ab 5. Klasse): Organisation und Selbstmanagement

Hier ist die größte Herausforderung nicht die Aufmerksamkeit allein, sondern die Selbstorganisation. Plötzlich haben Kinder mehrere Lehrer, mehrere Fächer, unterschiedliche Anforderungen – und müssen das selbst organisieren.

Was gut funktioniert in der weiterführenden Schule:

Wochenplan: Führe gemeinsam einen Wochenplan, in den dein Kind (!) alle Tests, Abgabetermine und besonderen Anforderungen trägt. Jeden Sonntag gemeinsam durchgehen.

Arbeitsgedächtnistraining: Das ADHS-Gehirn kann sich schwerer mehrere Dinge gleichzeitig merken. Gezieltes Training hilft. Zum Beispiel: „Merke dir diese fünf Wörter, du bekommst sie nach 5 Minuten wieder abgefragt.“ Langsam steigern.

Schulbuch-Organisation: Manche Kinder mit ADHS verlieren den Überblick über ihre Unterlagen. Eine klare Ordnersystem hilft: Ein Ordner pro Fach, farblich gekennzeichnet. Ablage-Regeln: Nach jeder Stunde sofort alles in den richtigen Ordner.

Hausaufgabenverwaltung mit Puffer: Ein großer Kalender an der Wand mit allen Hausaufgaben. Wichtig: Beginnt bereits 1-2 Tage vor dem Abgabetermin, damit es keinen Stress gibt.


Die besten Lerntechniken und Lernmethoden für ADHS

Multisensorisches Lernen: Mit allen Sinnen lernen

Das funktioniert besonders gut bei ADHS: Kombiniere verschiedene Sinneskanäle beim Lernen.

  • Visuell: Erstelle Mind-Maps mit Farben, Bildern, Pfeilen. Dein Gehirn merkt sich visuelle Informationen 75% besser als nur gelesenes.
  • Auditiv: Lass dein Kind Stoff laut vorlesen. Die eigene Stimme hilft beim Merken.
  • Kinästhetisch: Bewegung einbauen. Beim Lernen aufstehen, umhergehen, nachpantomimieren (z.B. die Bewegungen eines Verbs zeigen).

Das Ergebnis: Informationen, die auf drei verschiedene Wegen ins Gehirn kommen, bleiben auch dreimal besser haften.

Die Pomodoro-Technik mit Anpassung

Die klassische Pomodoro-Technik (25 Min. arbeiten, 5 Min. Pause) funktioniert oft nicht für ADHS-Kinder. Sie sind schneller erschöpft.

Besser: Angepasste Pomodoro für ADHS

  • Jüngere Kinder (Grundschule): 10-15 Minuten arbeiten, 3-5 Minuten Pause
  • Ältere Kinder (Sek. I/II): 15-20 Minuten arbeiten, 5 Minuten Pause
  • 4 Arbeitsblöcke, dann 15-20 Minuten längere Pause

Wichtig: Die Pausen müssen aktiv sein – nicht aufs Handy schauen, sondern bewegen!

Karteikarten, aber mit System

Karteikarten sind für Kinder mit ADHS gut, aber nicht allein. Die Beste Anwendung:

  • Frage auf die Vorderseite, Antwort auf die Rückseite
  • Mit Farben arbeiten: Verschiedene Farben für verschiedene Kategorien
  • Bewegung: Während du Fragen stellst, soll dein Kind umhergehen oder auf einem Bein balancieren
  • Gamification: Macht aus den Karteikarten ein Spiel – wer schafft es, 10 richtig hintereinander zu beantworten?

Gedankenwerkstätten (Mind-Maps)

Mind-Maps sind für ADHS-Gehirne ideal, weil sie die assoziative Natur des Denkens nutzen.

So erstellst du mit deinem Kind eine Mind-Map zum Lernen:

  1. Zentrales Thema in die Mitte schreiben (z.B. „Französische Revolution“)
  2. Haupt-Unterthemen wie Äste aufzeichnen (z.B. „Ursachen“, „Verlauf“, „Folgen“)
  3. Unteräste für Details (z.B. unter „Ursachen“: „Schulden“, „Ungerechtigkeit“, „Hungersnot“)
  4. Farben benutzen, kleine Bilder zeichnen, Pfeile zwischen Verbindungen

Das Visuelle und die Struktur helfen ADHS-Kindern, den Überblick zu behalten und Zusammenhänge zu sehen.

Kleine, häufige Wiederholungen statt Bulimie-Lernen

ADHS-Kinder haben oft ein schlechteres Arbeitsgedächtnis. Das bedeutet: „Bulimie-Lernen“ (alles auf einmal lernen) funktioniert nicht. Besser: Kleine Mengen häufig wiederholen.

Plan für eine Vokabel-Lektion:

  • Tag 1: 10 neue Vokabeln lernen, 2 Minuten
  • Tag 2: Diese 10 Vokabeln wiederholen, 2 Minuten + 5 neue, 2 Minuten
  • Tag 3: Alle 15 wiederholen, 3 Minuten
  • Später: Regelmäßig alle paar Wochen wieder durchgehen

Das dauert zwar länger als Crash-Kurse, aber das Wissen bleibt im Kopf.


Konkrete Alltagstipps für zuhause

Das Hausaufgaben-Ritual

  • Immer zur gleichen Zeit, am gleichen Ort
  • Alle Materialien vorbereitet
  • Schwierigste Aufgabe zuerst (wenn die Konzentration noch frisch ist)
  • Mit Timer arbeiten
  • Nach 30 Minuten: Stopp (auch wenn nicht alles fertig ist – das ist okay!)

Belohnungen, aber richtig

Normale Belohnungen funktionieren oft nicht bei ADHS (das hat mit der Dopamin-Verarbeitung zu tun). Besser: Sofortige, konkrete Belohnungen. Nicht „Wenn du deine Hausaufgaben machst, darfst du am Wochenende ins Kino.“ Sondern: „Nach der Aufgabe darfst du 10 Minuten dein Lieblingsspiel spielen.“

Bewegung vor dem Lernen

Aktive ADHS-Kinder brauchen physische Aktivität vor konzentriertem Lernen. 15 Minuten Toben, Rennen, Springen – danach ist das Gehirn bereit.

Die „Fehler sind Chancen“-Mentalität

ADHS-Kinder machen viele Flüchtigkeitsfehler. Das ist Teil der Störung. Statt Vorwürfe („Du passt ja nie auf!“) besser: „Schauen wir gemeinsam, was passiert ist.“

Was du nicht tun solltest

Keine langen Vorträge halten: „Ich habe dir schon 100-mal gesagt, du musst dich konzentrieren!“ Das funktioniert nicht. ADHS ist keine Motivationsfrage.

Nicht zu viele Änderungen auf einmal: Führe eine neue Strategie nach der anderen ein. Nicht alles gleichzeitig.

Vermeide vergleichen: „Dein Bruder braucht doch auch nur 10 Minuten für die Hausaufgaben!“ Das verletzt und hilft nicht.

Nicht ohne Pausen durchhalten lassen: Auch wenn es unbequem ist – Pausen sind kein Luxus, sondern notwendig.

Das Lernen mit einem ADHS-Kind ist anstrengend. Es ist komplett normal, sich manchmal überfordert zu fühlen. Das macht dich nicht zu schlechten Eltern – das macht dich zu realistischen Eltern. Nutze Unterstützung in Form von Selbsthilfegruppen, Lerncoaches und Schulbegleitung wenn nötig. Der Austausch mit anderen Eltern hilft unglaublich.

Kleine Fortschritte sind echte Erfolge. Wenn dein Kind heute 15 Minuten konzentriert arbeitet statt 5 – das ist ein Sieg!

Die richtige Lernstrategie zu finden braucht Zeit. Aber es lohnt sich. Mit den passenden Methoden kann dein Kind sein volles Potenzial entfalten – und Lernen wird wieder zu etwas, das nicht automatisch in Streit endet.

Du schaffst das. Dein Kind schafft das. Zusammen funktioniert es besser.

Mit den vorgestellten Methoden lernen Kinder mit ADHS leichter.


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).