Die ADHS-Diagnostik bei deinem Kind

Euer Termin zur ADHS-Diagnostik steht – dieser Bereich zeigt euch explizit, was da auf euch zukommt.

Der Prozess der Diagnose ist aufwendig. Die Frage zu beantworten, ob dein Kind ADHS hat oder nicht, erfordert Geduld und einen strukturierten Prozess – aber genau diese Sorgfalt ist es, die dir am Ende Klarheit und die richtige Unterstützung für dein Kind bringt.

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Wir behandeln das Thema ADHS bei deinem Kind als ADHS-Journey© in 8 Steps, du bist hier:

Step 3: Diagnose – Die Diagnostik

Inhaltsverzeichnis

Die ADHS-Diagnostik ist ein mehrstufiger, umfassender Prozess, der sich deutlich von einer schnellen Diagnose „zwischen Tür und Angel“ unterscheidet. Eine fundierte Diagnose basiert stattdessen auf verschiedenen Bausteinen, die gemeinsam ein verlässliches Gesamtbild ergeben. Dabei spielen nicht nur die Informationen eine Rolle, die du als Elternteil berichten kannst – auch Lehrer, Erzieher und das Kind selbst werden systematisch eingebunden. Diese multiperspektivische Sichtweise ist zentral für ADHS, denn ein diagnostisches Kerkmerkmal lautet: Die Symptome müssen in mindestens zwei verschiedenen Lebensbereichen auftreten – etwa in der Schule und zu Hause.​

Die ADHS-Diagnostik bei deinem Kind
Die ADHS-Diagnostik bei Kindern ist ein aufwändiger Prozess

In diesem ausführlichen Leitfaden werden wir zusammen beleuchten, aus welchen Elementen die Diagnostik besteht, welche Tests durchgeführt werden, wie lange der Prozess dauert und – besonders wichtig – wie du dein Kind behutsam und verständnisvoll auf diese Zeit vorbereiten kannst.

Die Bausteine der ADHS-Diagnostik deines Kindes

Eine seriöse ADHS-Diagnostik setzt sich aus mehreren ineinander greifenden Elementen zusammen. Jedes dieser Elemente liefert spezifische Informationen, die zusammen ein zuverlässiges Bild ergeben:


A. Ausführliche Anamnese – Die Lebensgeschichte deines Kindes

Alles beginnt mit einem intensiven Gespräch, in dem die Fachperson die Lebensgeschichte deines Kindes detailliert erfasst. Das klingt einfach, ist aber fundamental wichtig. Der Psychologe oder Psychiater wird systematisch erfragen:​

  • Wie verlief die Schwangerschaft? Gab es Besonderheiten oder Belastungen?
  • Wie war die frühkindliche Entwicklung? Wann haben motorische Meilensteine wie Krabbeln und Laufen stattgefunden?
  • Wann traten erste Auffälligkeiten im Verhalten auf?
  • Wie ist die aktuelle Familie strukturiert? Wer sind wichtige Bezugspersonen?
  • Welche Krankheiten oder Verletzungen hat dein Kind durchgemacht?
  • Gibt es ADHS oder andere psychische Störungen in der Familie?

Diese Anamneseerhebung erstreckt sich häufig über mehrere Termine, da es manchmal weitere Fragen gibt, die sich aus den ersten Antworten ergeben. Dieser zeitliche Aufwand ist beabsichtigt – er ermöglicht es dem Fachmann, dein Kind im Kontext seiner gesamten Entwicklung zu verstehen.​

B. Standardisierte Fragebögen – Systematische Verhaltenserfassung

Ein weiterer zentraler Baustein sind strukturierte Fragebögen, die von dir als Elternteil, aber auch von Lehrern, Erziehern und dem Kind selbst (je nach Alter) ausgefüllt werden. Diese Instrumente sind nicht willkürlich zusammengestellt – sie sind wissenschaftlich validiert und ermöglichen es, das Verhalten in verschiedenen Lebenssituationen systematisch zu erfassen.

Wichtige Fragebögen im deutschsprachigen Raum:

CBCL (Child Behavior Checklist) / TRF (Teacher’s Report Form) / YSR (Youth Self Report): Diese Fragebögen gehören zur Familie der Achenbach-Systeme und sind internationale Standards in der Diagnostik. Die CBCL wird von Eltern ausgefüllt und erfasst Verhaltensauffälligkeiten aus ihrer Perspektive. Der TRF ist die Lehrerversion, der YSR die Selbsteinschätzung des Kindes (ab etwa 11 Jahren). Zusammen ermöglichen diese Perspektiven einen vergleich: Zeigt sich das Verhalten überall ähnlich, oder unterscheidet es sich je nach Umgebung?

DISYPS-III (Diagnostik-System für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter): Dieses deutschsprachige Instrument ist speziell auf ADHS ausgerichtet und erfasst durch unterschiedliche Versionen für Eltern, Lehrer und Kinder spezifische Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.​

SDQ (Strengths and Difficulties Questionnaire): Ein kürzeres, aber valides Screening-Instrument, das emotionale und Verhaltensprobleme erfasst und oft als erste Orientierungshilfe verwendet wird.​

Die Vorteile dieser Fragebögen sind vielfältig: Sie ermöglichen Vergleiche mit Normstichproben (wie verhalten sich andere Kinder im selben Alter?), sie dokumentieren die Häufigkeit und Intensität von Symptomen, und sie können mehrfach im Verlauf durchgeführt werden, um Veränderungen zu messen.​

C. Psychologische Tests – kognitive Fähigkeiten erfassen

Eines der Missverständnisse rund um ADHS-Diagnostik lautet: „Es gibt einen ADHS-Test, der die Diagnose beweist.“ Das ist nicht korrekt. Es gibt keinen einzelnen Test, der ADHS diagnostiziert. Stattdessen werden mehrere spezialisierte Tests eingesetzt, um verschiedene kognitive Funktionen zu untersuchen und dabei Hinweise auf ADHS zu sammeln – und gleichzeitig andere Erklärungen auszuschließen.​

Der Intelligenztest – HAWIK-IV oder WISC-V

Der Intelligenztest ist ein zentrales Element der Diagnostik. Tests wie der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder (HAWIK-IV oder die neuere Version WISC-V) messen nicht einfach „wie intelligent“ ein Kind ist, sondern erfassen die Struktur der kognitiven Fähigkeiten.​

Ein Intelligenztest dauert typischerweise 90 bis 120 Minuten und besteht aus verschiedenen Untertests. Der aktuelle Standard, der WISC-V / HAWIK-V, misst folgende Bereiche:

  • Sprachverständnis: Wortschatz, Gemeinsamkeiten finden, allgemeines Verständnis
  • Visuell-räumliches Denken: Mosaiktest, Puzzle zusammensetzen, räumliche Probleme lösen
  • Fluides Schlussfolgern: Matrizen lösen, logische Muster erkennen
  • Arbeitsgedächtnis: Zahlenfolgen nachsprechen, Zahlen-Buchstaben-Sequenzen merken
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit: Symbolzuordnung, Durchstreich-Tests

Diese Untertests vermitteln dem Psychologen ein detailliertes Profil: Es zeigt, wo dein Kind stark ist und wo Schwierigkeiten liegen. Das ist wichtig, weil die Verarbeitungsgeschwindigkeit zum Beispiel bei vielen Kindern mit ADHS niedriger ausfällt als die anderen kognitiven Werte – das ist ein diagnostischer Hinweis. Auch kann sich zeigen: Ist dein Kind möglicherweise unterfordert (hochbegabt) oder überfordert? Diese Information hilft bei der Interpretation möglicher ADHS-Symptome.​

Unmittelbar nach Abschluss des Intelligenztests werden die Rohpunkte in Wertpunkte und dann in standardisierte IQ-Werte umgerechnet. Die Ergebnisse kannst du nicht direkt im Anschluss an den Test erhalten – die detaillierte Auswertung findet danach statt. Die Interpretation der Ergebnisse wird dir später in einem speziellen diagnostischen Gespräch erläutert.​

Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests

ADHS-Test
Das Kind absolviert verschiedene ADHS-Tests

Diese Tests sind für die ADHS-Diagnostik essentiell, da Aufmerksamkeitsstörungen das Kernmerkmal von ADHS sind. Folgende Verfahren werden häufig eingesetzt:​

d2-R (Aufmerksamkeits- und Konzentrationstest)

Der d2-R ist einer der am häufigsten verwendeten Konzentrationstests in Deutschland. Die Aufgabe klingt einfach: Dein Kind sieht Reihen mit Buchstaben (d und p) mit verschiedenen Strichen oben und/oder unten. Es soll alle „d“ mit genau zwei Strichen durchstreichen – und sonst nichts.​

  • Dauer: Etwa 4-5 Minuten reine Bearbeitung, plus 5 Minuten Instruktion und Probe, insgesamt etwa 10 Minuten
  • Was wird gemessen: Die Geschwindigkeit der Bearbeitung, die Genauigkeit (Fehlerrate) und die Konzentrationsfähigkeit – wie konstant bleibt die Leistung über die Zeit?​
  • Für wen: Kinder ab etwa 9 Jahren

Beim d2-R wird nicht einfach geschaut, wie viele Aufgaben dein Kind bearbeitet – es werden mehrere Kennwerte berechnet: die Bearbeitungsgeschwindigkeit (wie schnell), die Fehlerhäufigkeit (wie genau) und die Konzentrationsleistung (schnell UND genau kombiniert). Diese differenzierte Betrachtung ist wichtig, weil es verschiedene Arten gibt, Probleme zu zeigen. Manche Kinder arbeiten schnell, machen aber viele Fehler (möglicherweise impulsiv). Andere arbeiten langsam und fehlerfrei – das würde auf Angst oder Vorsicht deuten, nicht auf ADHS.​

CPT (Continuous Performance Test)

Der CPT ist ein computergestützter Test, der Aufmerksamkeit, Reaktionsschnelligkeit und Impulsivität misst. Das Kind sitzt vor einem Monitor, auf dem verschiedene Symbole oder Buchstaben erscheinen. Die Aufgabe: Sobald eine bestimmte Zielsequenz auftaucht (etwa der Buchstabe „X“ nach einem „O“), soll das Kind so schnell wie möglich reagieren (meist durch Tastendruck).

  • Dauer: Etwa 14 Minuten, besteht oft aus zwei Teilen mit einer Pause dazwischen​
  • Was wird gemessen: Die Reaktionszeiten, die Variabilität der Reaktionszeiten (sind sie konstant oder schwanken sie?), die Fehler (Auslassungsfehler, wenn das Kind die Zielsequenz übersieht, und Begehungsfehler, wenn es bei falschen Sequenzen reagiert)​
  • Warum ist das relevant: Kinder mit ADHS zeigen typischerweise mehr Begehungsfehler (impulsive, falsche Reaktionen) und eine höhere Variabilität in ihren Reaktionszeiten​

Der CPT wird vom Kind als relativ spielerisch empfunden – es ist eine Computeraufgabe, fast wie ein Spiel. Das ist praktisch, denn es reduziert Testangst.

Weitere Aufmerksamkeitstests:
Abhängig vom Alter und der Fragestellung können auch andere Tests durchgeführt werden, etwa der KITAP (Kindertestbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung) oder der Children’s Color Trail Test, die verschiedene Aspekte wie geteilte Aufmerksamkeit oder Geschwindigkeit der mentalen Verarbeitung prüfen.

Tests auf Teilleistungsstörungen

Wenn es Hinweise auf Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen gibt, werden zusätzliche Tests durchgeführt. Viele Kinder mit ADHS haben auch Lese-Rechtschreib-Schwächen (Legasthenie) oder Rechenschwächen (Dyskalkulie). Diese „komorbiditäten“ – also das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Störungen – müssen erkannt werden, denn sie erfordern oft zusätzliche Interventionen.

D. Körperliche und neurologische Untersuchungen

Ein oft übersehener Teil der Diagnostik ist die körperliche Untersuchung. Der Arzt oder die Fachperson wird untersuchen:​

  • Allgemeiner Gesundheitszustand: Gibt es körperliche Erkrankungen, die ADHS-ähnliche Symptome verursachen könnten?
  • Schilddrüse: Eine Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion kann Aufmerksamkeitsprobleme und Hyperaktivität verursachen
  • Seh- und Hörvermögen: Kann dein Kind sehen und hören? Probleme hier können als Aufmerksamkeitsdefizite fehlinterpretiert werden
  • Neurologische Funktion: Feinmotorik, Grobmotorik, Koordination, Reflexe

In einigen Fällen kann auch ein EEG (Elektroenzephalogramm) sinnvoll sein – eine schmerzfreie Messung der Gehirnaktivität – um neurologische Erkrankungen wie Epilepsie auszuschließen.

E. Verhaltensbeobachtung in natürlichen Situationen

Ein Bild von deinem Kind in der kontrollierten Testsituation mit dem Psychologen reicht nicht aus. Deshalb werden oft auch systematische Beobachtungen in der Schule durchgeführt. Hier wird das Kind mit seinen Klassenkameraden verglichen: Wie aktiv ist es im Unterricht im Vergleich zu anderen? Wie lange kann es sich konzentrieren? Wie sehr lenkt es andere ab?​

Die Stony-Brook-Methode ist ein standardisiertes Beobachtungssystem, das in der Schule eingesetzt wird. Ein Beobachter nutzt ein strukturiertes Protokoll und dokumentiert systematisch, was das Kind tut – ob es zuhört, stört, andere anspricht, etc. – in regelmäßigen Zeitintervallen über mehrere Schulstunden. Dies liefert objektive Daten über das Verhalten im realen schulischen Umfeld.​

F. Ausschluss alternativer Erklärungen: Differentialdiagnose

Ein wichtiger Teil der Diagnostik ist es, andere Krankheiten oder Störungen auszuschließen, die ADHS-ähnliche Symptome verursachen könnten:

  • Angststörungen: Ein ängstliches Kind kann zerstreut wirken, weil seine Gedanken um die Angst kreisen
  • Depressionen: Betroffene Kinder wirken unmotiviert und unaufmerksam​
  • Autismus-Spektrum-Störungen: Können ähnliche Symptome wie Impulsivität und Ablenkbarkeit zeigen
  • Schlafstörungen: Ein schlecht geschlafenes Kind kann sehr unaufmerksam sein​
  • Hörstörungen oder Sehstörungen: Führen zu Aufmerksamkeitsproblemen​
  • Lernstörungen: Ein überfördertes Kind kann zappelig wirken​

Deshalb werden in der Diagnostik gezielt Fragen gestellt und Tests durchgeführt, um diese Alternativen auszuschließen oder als Komorbiditäten zu erkennen.​

Wie lange dauert der diagnostische Prozess?

Eine häufig gestellte Elternfrage im Klinikalltag lautet: Wie lange muss ich auf eine Diagnose warten? Die ehrliche Antwort: Es variiert erheblich.

Wartezeiten

  • Im günstigen Fall: Etwa 2-3 Monate von der Anmeldung bis zur Diagnosestellung​
  • Regional unterschiedlich: In manchen Gegenden warten Familien 6 Monate bis 1,5 Jahre
  • Der Grund: Ein großer Mangel an Fachkräften in vielen Regionen sowie stark zunehmende Anzahl an Verdachts-Kindern.​

Dauer des Diagnostikprozesses selbst

Sobald dein Kind bei einem Fachmann angenommen wird, erstreckt sich der Diagnosevorgang über mehrere Wochen bis Monate:

  1. Anamnese-Gespräch: 1-2 Termine à 1-2 Stunden
  2. Intelligenz- und Aufmerksamkeitstests: 2-3 Termine à 1-2 Stunden
  3. Ausfüllen von Fragebögen (du, Schule): Etwa 1-2 Wochen
  4. Verarbeitung der Ergebnisse: 1-2 Wochen
  5. Abschlussgespräch und Diagnose: 1-2 Stunden​

Insgesamt kann der Prozess 3-6 Monate dauern, in komplexeren Fällen auch länger. Dieser Aufwand ist bewusst gewählt – die Fachleute wollen Sicherheit, nicht Schnelligkeit.

Ein wichtiger Hinweis zum Alter für ADHS-Diagnosen

Eine sichere ADHS-Diagnose ist erst ab etwa 3-4 Jahren möglich, in vielen Fällen aber erst ab dem Schulalter realistisch. Warum? Weil viele ADHS-typische Verhaltensweisen in der frühen Kindheit noch normal sind – Kleinkinder sind grundsätzlich mobil, impulsiv und unaufmerksam. Erst wenn die Anforderungen an Konzentration und Selbstkontrolle steigen (in der Schule), werden ADHS-Symptome deutlich.​

Ergebnisse und Ergebnismitteilung: Was kommt nach den Tests?

Nach Abschluss aller Tests und der Auswertung erfolgt ein ausführliches diagnostisches Gespräch:​

  1. Ergebniserklärung: Der Psychologe oder Psychiater erklärt dir detailliert, was die Tests zeigen. Du erhältst ein Profil von Stärken und Schwächen deines Kindes.
  2. Diagnosestellung: Basierend auf allen Informationen wird entschieden: ADHS ja oder nein? Falls ja, wird auch eine Unterscheidung getroffen: Ist es eher Unaufmerksamkeitstyp (ADS), hyperaktiv-impulsiver Typ oder Mischtyp?
  3. Alternative Erklärungen: Falls keine ADHS diagnostiziert wird, wird erklärt, welche anderen Ursachen für die beobachteten Probleme verantwortlich sein könnten. Auch das kann entlastend sein, denn es gibt dem Problem einen Namen und damit einen Weg zur Lösung.
  4. Komorbiditäten: Falls zusätzlich andere Störungen vorliegen (z.B. Angststörung), werden diese ebenfalls besprochen.

Bekommst du die Ergebnisse direkt?

Ja und nein. Nach einzelnen Tests (wie dem Intelligenztest) können erste Auswertungen Stunden dauern, so dass du sie nicht sofort erhältst. Das Gesamtbild wird erst nach Zusammenfassung aller Daten deutlich. Beim finalen diagnostischen Gespräch erhältst du dann:

  • Eine schriftliche Zusammenfassung oder ein Gutachten
  • Eine Diagnose (falls gestellt)​
  • Empfehlungen für nächste Schritte
  • Optional: Empfehlungen für Therapien (psychologisch, medikamentös, pädagogisch)

Praktische Tipps: So bereitest du dein Kind auf die Diagnostik vor

Die Diagnostik kann für Kinder verstörend sein, wenn sie nicht wissen, was sie erwartet. Deine Aufgabe ist es, dein Kind behutsam, ehrlich und kindgerecht vorzubereiten. Das reduziert Angst und ermöglicht bessere Testleistungen.

1. Schaffe Transparenz – Erkläre, was passiert

In einfachen Worten für Kinder im Grundschulalter (ca. 6-10 Jahre):

„Schatz, du weißt doch, dass du manchmal Schwierigkeiten hast, dich zu konzentrieren / still zu sitzen / deine Aufgaben zu machen. Das ist okay – viele Kinder haben das. Wir gehen jetzt zu einem Doktor, der sich auf genau das spezialisiert hat. Er möchte verstehen, wie dein Gehirn arbeitet. Dafür wirst du verschiedene kleine Spiele und Aufgaben machen – am Computer, auf Papier, mit Rätseln. Die sind nicht schwierig, sondern eher spielerisch. Es gibt kein richtig oder falsch – der Doktor möchte nur sehen, wie du arbeitest.“

Für ältere Kinder (ab ca. 11 Jahren):

„Wir haben bemerkt, dass du Schwierigkeiten mit der Konzentration / Ruhe / Organisation hast. Das könnte verschiedene Gründe haben. Wir gehen zu einem Spezialisten – einem Psychologen oder Psychiater – der Tests durchführt, um herauszufinden, ob es ADHS oder etwas anderes ist. Die Tests sind wie ein Puzzle: Jeder Test zeigt ein anderes Stück, und am Ende sehen wir das ganze Bild. Manche Tests sind am Computer, manche sind Aufgaben auf Papier, manche sind Fragen. Es gibt da kein Bestehen oder Durchfallen – es geht nur darum, wie DEIN Gehirn arbeitet.“

2. Normalisierung – „Das ist nichts Schlimmes“

Viele Kinder entwickeln Angst, wenn sie „zum Arzt“ müssen, besonders wenn sie spüren, dass etwas „nicht stimmt“. Wichtig ist deine innere Haltung:

  • Vermittle: Dies ist ein Erkenntnisprozess, kein Urteil
  • Sag Dingen wie: „Es gibt viele Kinder, bei denen das Gehirn anders arbeitet. Das ist nicht gut oder schlecht – nur anders.“
  • Teile – wenn passend – auch deine eigenen Erfahrungen: „Weißt du, auch dein Opa hatte Konzentrationsschwierigkeiten. Manchmal läuft es in Familien.“

3. Konkrete Vorbereitung auf die Testsituationen

Für den Intelligenztest (IQ-Test):

„Der Psychologe wird dir verschiedene Aufgaben geben. Manche sind wie Spiele: Du setzt Bilder zusammen, du brauchst Zahlenfolgen aufzuschreiben, du erklärst, was Wörter bedeuten. Manche fühlen sich einfach an, manche schwieriger. Das ist Absicht. Es gibt Aufgaben, die sind zu schwer – das ist okay. Keiner erwartet, dass du alles richtig machst. Es ist, wie Berge erklimmen: Erst die leichten, dann immer schwerer, bis es zu schwer wird.“

Für Aufmerksamkeitstests (d2-R):

„Bei einem Test musst du schnell arbeiten und Dinge auf einem Blatt durchstreichen. Bei einem anderen Test sitzt du am Computer und reagierst auf Bilder/Buchstaben, die erscheinen. Das ist, wie ein Videospiel, nur dass es gemessen wird, wie schnell du reagierst.“

4. Regeln und Grenzensetzen

  • Kläre, dass du die Tests nicht sehen kannst (sind vertraulich, zwischen Kind und Psychologe)
  • Sag: „Die Psychologin / der Psychiater möchte dich allein kennenlernen, so wie du wirklich bist“
  • Das ist normal und wichtig – das Kind sollte sich nicht beobachtet fühlen durch die Eltern

5. Emotionale Unterstützung rund um die Termine

Vor dem Termin:

  • Mache den Tag nicht zu einem großen Drama
  • Vermeide Sätze wie: „Jetzt werden wir endlich sehen, was mit dir los ist“ (klingt wie Vorwurf)
  • Besser: „Heute gehen wir zum Psychologen. Das wird interessant. Ich bin stolz auf dich, dass du mitkommst.“
  • Sorge für ausreichend Schlaf und ein gutes Frühstück
  • Baue bewusst Puffer ein – nicht direkt mit Stress zum Termin

Nach dem Termin:

  • Frag dein Kind: „Wie war’s? Was hat dir gefallen?“
  • Lass es erzählen – unterbrich es nicht
  • Sei validierend: „Das hast du super gemacht!“ oder „Ich sehe, das war anstrengend für dich. Das ist völlig okay.“
  • Biete eine kleine Belohnung oder gemeinsame Zeit an – nicht als Bestoßung, sondern als: „Das war eine Herausforderung, und ich wertschätze deine Anstrengung“

6. Umgang mit Angst und Nervosität

Wenn dein Kind nervös ist, helfen praktische Bewältigungsstrategien:​

  • Atemübungen: „Lass uns zusammen tief einatmen: 4 Sekunden rein, 4 Sekunden halten, 6 Sekunden raus. Das macht dein Gehirn ruhiger.“​
  • Progressive Muskelentspannung: Einfach erklären: „Spann jetzt deine Beine an, halte es 5 Sekunden, dann lass los. Fühlt sich besser an, ja?“​
  • Visualization: „Stell dir einen Ort vor, wo du dich sicher fühlst. Was siehst du dort? Wer ist bei dir?“
  • Positive Selbstaussagen: Gemeinsam erarbeiten: „Ich schaffe das“, „Ich bin tapfer“, „Der Psychologe ist nett und will mir helfen“

7. Deine eigene Rolle – Modellverhalten und Ruhe

Kinder spüren die Angst und Nervosität ihrer Eltern. Wenn du selbst angespannt bist, wird dein Kind das merken. Daher:​

  • Arbeite an deiner eigenen inneren Haltung: Dies ist nicht beängstigend, es ist ein Informationsprozess
  • Zeige innere Ruhe: Dein Kind wird deine Gelassenheit als Sicherheitssignal interpretieren
  • Vermeide eigene Katastrophisierungen vor dem Kind
  • Wenn du selbst Angst hast, hole dir Unterstützung – bei einem Partner, einer Freundin, einem Therapeut

Fazit: Ein solidarer Prozess für Klarheit

Die ADHS-Diagnostik ist zeitaufwendig, multiperspektivisch und gründlich – das mag sich zunächst belastend anfühlen. Aber genau diese Sorgfalt ist es, die dir am Ende Klarheit, verlässliche Antworten und den Weg zu echter Unterstützung ermöglicht. Du weißt dann nicht nur, ob ADHS vorliegt – du weißt auch, wo die Stärken deines Kindes liegen und welche zusätzlichen Probleme möglicherweise bestehen.​

Der Prozess ist auch eine Investition in die psychische Gesundheit und das Selbstvertrauen deines Kindes. Wenn dein Kind versteht, dass es nicht „faul“ oder „ungezogen“ ist, sondern dass sein Gehirn einfach anders arbeitet, kann das eine enorme Erleichterung sein. Es nimmt die Scham weg und eröffnet einen konstruktiven Weg nach vorn.​

Begleite dein Kind durch diesen Prozess mit Verständnis, Transparenz und innerer Ruhe. Die Geduld wird sich lohnen – für dein Kind und für deine ganze Familie.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lange dauert die Diagnostik vom Start bis Diagnose?

Im Schnitt 3-6 Monate, allerdings regional sehr unterschiedlich (bis zu 1,5 Jahren möglich).

Wie lange dauern die einzelnen Tests?

Der Intelligenztest: dauert zwischen 90-120 Minuten,​ der d2-R ca. 10 Minuten und der CPT ca. 14 Minuten​.

Bekomme ich sofort ein Ergebnis nach den Tests?

Nein. Auswertung dauert mehrere Stunden bis Tage. Das Ergebnis erhält du im finalen Gespräch.​

Was kosten die Tests?

Bei Überweisung vom Kinderarzt ist der ADHS-Test meist eine Kassenleistung, privat je nach Anbieter unterschiedlich.

Ab welchem Alter ist eine sichere ADHS-Diagnose möglich?

Etwa ab 3-4 Jahren, zuverlässiger ist die Diagnose auf jeden Fall ab Schulalter​.

Kann ich dabei sein während die Tests laufen?

Nein, normalerweise nicht, das Kind wird allein getestet.

Was sind die ersten Schritte, wenn Diagnose gestellt wird?

Aufklärung durch den Arzt, danach eine Therapieplanung (psychologisch, medikamentös, pädagogisch)​.


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Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).