Was passiert in der ersten Sitzung der ADHS Diagnostik

ADHS-Diagnostik: Was passiert in der ersten Sitzung?

Du hast einen ersten Termin zur ADHS-Diagnostik bekommen – und fragst dich jetzt wahrscheinlich: Was erwartet mich? Was muss ich mitbringen? Was passiert da? Und vor allem: Wie läuft dieses erste Gespräch ab? In diesem Artikel bekommst du einen detaillierten Überblick über die erste Sitzung zur ADHS-Diagnostik. Wir nehmen dich mit durch diesen wichtigen ersten Schritt – damit du gut vorbereitet in den Termin gehst.


Inhaltsverzeichnis


Die erste Sitzung = Anamnesegespräch

Die erste Sitzung bei der ADHS-Diagnostik ist das sogenannte Anamnesegespräch (auch Erstgespräch genannt). Das Wort Anamnese kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Erinnerung“ oder „Vorgeschichte“. Genau darum geht es in dieser Sitzung: Der Fachmann oder die Fachfrau möchte die Lebensgeschichte deines Kindes verstehen – von der Schwangerschaft über die Geburtszeit bis zu heute.

Dieses erste Gespräch dauert in der Regel zwischen 50 und 90 Minuten. Es ist der Grundstein der gesamten Diagnostik, denn hier werden die wichtigsten Informationen gesammelt, auf denen alle weiteren Untersuchungsschritte aufbauen.

Was solltest du mitbringen?

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Damit der Termin effizient und vollständig wird, solltest du folgende Unterlagen mitbringen:

Wichtige Dokumente:

Das gelbe U-Heft (Untersuchungsheft) mit den Dokumentationen der U-Untersuchungen von Geburt bis zum dritten Lebensjahr – hier stehen wichtige Meilensteine der Entwicklung

Schulzeugnisse – am besten von mehreren Jahren, besonders die ersten Schulzeugnisse nach der Einschulung

Ärztliche Befunde, falls es vorherige Untersuchungen gab (z.B. Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Augenarzt, neurologische Untersuchungen)

Berichte von Kindergarten oder Schule – falls der Kindergarten oder die Schule bereits schriftliche Stellungnahmen zu deinem Kind verfasst hat

Schriftliche Vorbereitungen:

Notizen zu konkreten Beispielen von Verhaltensweisen, die dich besorgt haben – wann ist etwas aufgefallen, wie äußert sich das?

Ein Überblick über mögliche ADHS-Fälle in der Familie – gibt es Verwandte (Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel), die ADHS haben oder hatten?

Diese Vorbereitung erspart dir Zeit und hilft dem diagnostizierenden Fachpersonal, schnell einen guten Überblick zu bekommen.

Dürfen beide Elternteile dabei sein?

Ja, und das ist sogar sehr empfohlen! Wenn möglich, sollten beide Elternteile zur ersten Sitzung der ADHS-Diagnostik kommen. Hier ist der Grund: Der Vater und die Mutter erleben das Kind oft in unterschiedlichen Situationen und können unterschiedliche Aspekte des Verhaltens berichten. Der eine Elternteil hat vielleicht eher die Hausaufgabensituation im Blick, der andere eher das Verhalten am Wochenende oder beim Sport.

Besonders bei der Frage „ADHS oder nicht?“ ist es wertvoll, beide Perspektiven zu hören. Auch die Familienanamnese (wie war es bei den Eltern selbst in der Schule?) spielt eine große Rolle – da können beide Elternteile wichtige Hinweise geben.

Wenn es aus praktischen Gründen nicht möglich ist, dass beide Elternteile dabei sind, ist das nicht dramatisch. Wichtig ist, dass derjenige Elternteil, der nicht dabei sein kann, seine Beobachtungen schriftlich festgehalten hat, damit diese ebenfalls berücksichtigt werden.

Der Ablauf des Anamnesegesprächs

Das erste Anamnesegespräch folgt einer bestimmten Struktur. Hier ist ein exemplarischer Überblick über die typischen Inhalte:

Teil 1: Begrüßung und Kennenlernen (ca. 5-10 Minuten)

Am Anfang steht das gegenseitige Kennenlernen. Die Fachperson stellt sich vor, erklärt kurz, wie sie arbeitet und fragt dich, wie du zum Termin gekommen bist – eher eine entspannende Eröffnung. Manche Therapeuten oder Ärzte zeigen dir auch die Praxis, erklären den zeitlichen Ablauf und beantworten erste Fragen.

Teil 2: Der Hauptgrund und aktuelle Probleme (ca. 10-15 Minuten)

Dann wird es konkret: Die Fachperson fragt dich, warum du heute hier bist – was sind die Hauptprobleme, die dich zum Termin bewogen haben?

Typische Fragen in dieser Phase sind:

  • „Was bringt Sie heute zu mir?“
  • „Welche Verhaltensweisen machen Ihnen Sorgen?“
  • „Seit wann beobachten Sie diese Probleme?“
  • „In welchen Situationen zeigen sich die Probleme besonders stark?“
  • „Wie sehr leidet Ihr Kind darunter? Wie sehr leiden Sie darunter?“

Es ist wichtig, dass du konkrete Beispiele gibst. Statt „Mein Kind ist zappelig“ besser: „Mein Kind kann nicht still sitzen, wenn wir gemeinsam Hausaufgaben machen. Es springt ständig auf, läuft im Zimmer herum und braucht vielleicht 20 Minuten für eine Aufgabe, die eigentlich 5 Minuten dauern sollte.“

Wesentlich tiefer gehe ich auf diesen Bereich im Artikel Anamnese als Teil der Diagnostik ein.

Teil 3: Die Entwicklungsgeschichte (ca. 20-30 Minuten)

Das ist der längste Teil des Gesprächs. Hier wird die komplette Lebensgeschichte deines Kindes erhoben – von der Schwangerschaft bis heute. Die Fachperson fragt systematisch nach:

Schwangerschaft und Geburt:

  • War die Schwangerschaft geplant und unkompliziert?
  • Gab es Komplikationen (z.B. hoher Blutdruck, Infektionen, Stress)?
  • War die Geburt termingerecht und normal verlaufen?
  • Gab es Besonderheiten (zu früh, Kaiserschnitt, Komplikationen)?
  • Wie war das Neugeborene – schlief es viel, war es unruhig oder hatte es Schreipausen?

Die frühe Kindheit (0-3 Jahre):

  • Wann hat das Kind gekrabbelt, gelaufen und erste Worte gesprochen?
  • War die Entwicklung unauffällig oder gab es Verzögerungen?
  • Wie war das Schlafverhalten – schlief das Kind durch, war es unruhig?
  • Gab es Fütter- oder Ess-Probleme?
  • Wie war der emotionale Kontakt – war das Kind anhänglich, aufgeschlossen, schwer zu beruhigen?

Das Kindergartenalter (3-6 Jahre):

  • Wie war der Übergang in den Kindergarten?
  • Gab es Schwierigkeiten mit anderen Kindern?
  • Wie war die Aufmerksamkeit und Konzentration – konnte das Kind beim Vorlesen stillsitzen?
  • Wann wurden erste Probleme bemerkt?

Das Schulalter (6 Jahre bis heute):

  • Wie war der Übergang in die Schule?
  • Wann begannen Schwierigkeiten – sofort oder erst später?
  • Wie sind die Schulleistungen?
  • Wie ist das Sozialverhalten gegenüber anderen Kindern?
  • Wie läuft es bei den Hausaufgaben?

Diese detaillierten Fragen helfen dem Spezialisten zu verstehen, ob die ADHS-Symptome bereits seit der frühen Kindheit vorhanden sind, was ein wichtiges Kriterium für die Diagnose darstellt.

Teil 4: Die Familienanamnese – ADHS in der Familie (ca. 10-15 Minuten)

Ein großer Teil der genetischen Information kommt von den Eltern. Daher werden auch die Eltern direkt gefragt:

  • „Wie war Ihre Konzentration in der Schule?“
  • „Hatten Sie Schwierigkeiten mit Hausaufgaben oder beim Lernen?“
  • „Wurden Sie zappelig genannt oder konnten nicht stillsitzen?“
  • „Gab es in Ihrer Familie ADHS-Fälle oder ähnliche Probleme?“

ADHS hat eine starke genetische Komponente. Wenn ein Elternteil ADHS hat, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Kind ebenfalls ADHS hat. Diese Informationen helfen, ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Teil 5: Die Beobachtung des Kindes während des Gesprächs

Während des Gesprächs mit dir beobachtet die Fachperson auch dein Kind aufmerksam. Sie schaut sich an:

  • Kann das Kind stillsitzen?
  • Wie ist seine Aufmerksamkeit – kann es dem Gespräch teilweise folgen?
  • Wie reagiert es auf Fragen direkt an sich selbst?
  • Wie ist sein Augenkontakt?
  • Wie ist seine motorische Aktivität?
  • Wie antwortet es – impulsiv oder nachdenklich?
  • Wie ist die Frustrationstolerans, wenn es etwas nicht sofort versteht?

Diese Verhaltensbeobachtung in der natürlichen Situation liefert bereits erste Eindrücke.

Mögliche erste Fragen an dein Kind

Je nach Alter wird die Fachperson auch direkt mit deinem Kind sprechen und es befragen. Typische Fragen könnten sein:

Für jüngere Kinder (5-8 Jahre):

  • „Was ist dein Lieblingsspiel?“
  • „Was magst du in der Schule gerne?“
  • „Was fällt dir schwer in der Schule?“
  • „Wie geht’s dir zuhause?“

Für ältere Kinder und Jugendliche (ab 9 Jahren):

  • „Wie empfindest du selbst dein Verhalten in der Schule?“
  • „Wo siehst du deine Stärken und Schwächen?“
  • „Was würde dir im Alltag helfen?“
  • „Wie erleben dich andere Kinder?“

Diese Fragen helfen, die Selbstwahrnehmung des Kindes einzuschätzen und das Kind selbst in den Prozess einzubeziehen.

Ist dein Kind die ganze Zeit dabei?

Das ist unterschiedlich und hängt vom Fachpersonal und dem Alter des Kindes ab. Es gibt verschiedene Modelle:

Modell 1: Kind die ganze Zeit anwesend

Das Kind sitzt während des gesamten Gespräches dabei. Vorteil: Die Fachperson kann das Verhalten kontinuierlich beobachten. Nachteil: Manche Eltern möchten offener über schwierige Themen sprechen, wenn das Kind nicht zuhört.

Modell 2: Kind kommt später hinzu

Das Gespräch beginnt nur mit den Eltern (ca. 30-45 Minuten), danach kommt das Kind herein und wird separat oder zusammen mit den Eltern befragt. Das hat den Vorteil, dass die Eltern offener von ihren Sorgen erzählen können, und das Kind kann sich dann gezielt einbringen.

Modell 3: Kombiniert – Kind mal dabei, mal nicht

Manche Fachleute teilen die Zeit auf: Ein Teil des Gespräches nur mit Eltern, ein Teil mit Kind und Eltern.

Was bei dir gemacht wird, wird meist am Telefon bei der Terminvergabe oder am Anfang des Termins geklärt. Wichtig: Du kannst vorher fragen oder am Anfang des Termins klären, wie das ablaufen wird. Es gibt da kein „richtig“ oder „falsch“ – es kommt auf das individuelle Vorgehen der Praxis an.

Was wird nach dem Anamnesegespräch besprochen?

Am Ende des ersten Gesprächs werden meist drei Dinge geklärt:

1. Erste Einschätzung
Die Fachperson teilt dir eine erste vorläufige Einschätzung mit. Das kann sein: „Aufgrund Ihrer Schilderungen und meiner Beobachtung liegt der Verdacht auf ADHS nahe, aber eine endgültige Diagnose kann erst nach weiteren Untersuchungen gestellt werden.“

2. Weitere Schritte
Es wird geklärt, welche nächsten Untersuchungen sinnvoll sind. Hierauf gehen wir in Step 3 der ADHS-Journey©Die ADHS-Diagnostik bei deinem Kind näher ein. In der Regel gehört dazu:

  • Ausgefüllte standardisierte Fragebögen (CBCL, TRF, DISYPS-III, etc.)
  • Psychologische Tests (Konzentrations- und Intelligenztests)
  • Lehrer-Fragebogen (die Fachperson sendet diese an die Schule)
  • Körperliche Untersuchung (um andere Ursachen auszuschließen)

3. Terminvergabe für die nächsten Sitzungen
Es werden Termine für die nachfolgenden Untersuchungen vereinbart. Die gesamte Diagnostik erstreckt sich in der Regel über mehrere Wochen bis Monate.

Tipps rund um den ersten Termin der ADHS-Diagnostik

Damit euer erster Termin so reibungslos und informativ wie möglich verläuft, hier noch ein paar praktische Tipps:

Vorbereitung:

  • Schreib dir konkrete Beispiele auf. Nicht „mein Kind ist unaufmerksam“, sondern: „Bei den Hausaufgaben macht es 5 Flüchtigkeitsfehler in 10 Minuten“ oder „Es vergisst ständig seine Sportausrüstung, obwohl wir eine Checkliste haben.“
  • Bringe alle geforderten Unterlagen mit. Fehlende Zeugnisse oder Befunde verzögern den Prozess.
  • Komm pünktlich oder etwas früher. Das gibt dir Zeit, anzukommen und die Umgebung kennenzulernen.
  • Notiere Fragen auf. Wenn dir Fragen in den Sinn kommen, notiere sie, damit du sie nicht vergisst.

Während des Termins:

  • Antworte offen und ehrlich. Es geht nicht darum, eine gute Figur zu machen, sondern um objektive Informationen für eine gute Diagnose.
  • Versuche, nicht zu wertet zu sein. Statt: „Mein Kind ist faul“ besser: „Mein Kind braucht viel Motivation, um Aufgaben zu beginnen.“
  • Sprich von deinen Beobachtungen, nicht von Interpretationen. Nicht: „Mein Kind macht das absichtlich“ sondern: „Ich habe beobachtet, dass…“
  • Sei geduldig. Die Fachperson wird viele detaillierte Fragen stellen – diese Gründlichkeit ist wichtig für eine sichere Diagnose.

Nach dem Termin:

  • Schreibe dir Notizen von dem Besprochenen auf, solange es noch frisch ist – vor allem die weiteren Schritte und Termine.
  • Setze Fragebögen zeitig um. Wenn du Fragebögen mitbekommen hast, fülle sie zeitnah aus und sende sie rechtzeitig zurück.
  • Gib die Lehrer-Fragebögen an die Schule. Sorge dafür, dass die Schulen diese ausfüllen und rechtzeitig zurückgeben.

Keine Angst vor Fragen

Viele Eltern berichten, dass sie von der Anzahl und Tiefe der Fragen überrascht sind. Das ist völlig normal. Diese detaillierten Fragen sind nicht unangenehm oder belehrend gemeint – sie sind einfach notwendig, um ein vollständiges Bild zu bekommen.

Der Spezialist möchte verstehen:

  • Wie lange es die Probleme schon gibt
  • Wie schwer die Auswirkungen sind
  • Ob es andere mögliche Erklärungen gibt (psychische Belastungen, Stress in der Familie, etc.)
  • Wie dein Kind in verschiedenen Lebensbereichen funktioniert

Nur mit diesen umfangreichen Informationen kann am Ende eine sichere und genaue Diagnose gestellt werden.

Die erste Sitzung der ADHS-Diagnostik ist der Anfang

Der erste Termin ist der Beginn eines Prozesses. Du erhältst hier die Sicherheit und das Wissen, die du brauchst, um für dein Kind die richtigen Schritte einzuleiten. Mit einer guten ausführlichen Anamnese wird bereits ein großer Teil der Diagnostik geleistet.

Vergiss nicht: Diese erste Sitzung dient nicht nur der Faktensammlung. Sie ist auch eine Gelegenheit für dich, offene Fragen zu klären, deine Sorgen zu äußern und dich von einem Fachmann oder einer Fachfrau ernst genommen zu fühlen. Ein gutes diagnostisches Gespräch ist bereits eine erste Form der Unterstützung und Entlastung.

Nach diesem ersten Termin geht die Diagnosezeit weiter. Die kommenden Schritte – Fragebögen, psychologische Tests, körperliche Untersuchungen – liefern dann die weiteren Puzzleteile. Aber die Grundlagen werden in dieser ersten Sitzung gelegt.

Die ADHS-Diagnostik ist umfangreich. Möchtest du tiefer einsteigen?


Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).