Dein Kind hat die ADHS-Diagnose bekommen – und jetzt fragst du dich: Was bedeutet das für die Schule? Wie kann ich dein Kind unterstützen, damit es in diesem System nicht untergeht?
Inhaltsverzeichnis
- Was ist ein Nachteilsausgleich eigentlich?
- Nachteilsausgleich vs. Notenschutz
- Die rechtliche Grundlage
- Antrag Schritt-für-Schritt
- Muster-Nachteilsausgleich
- Häufige Fehler beim Antrag
- Nach dem Antrag
- Die wichtigsten Erfolgsfaktoren
Eine wichtige Antwort lautet: Nachteilsausgleich beantragen. Das ist dein Recht und das Recht deines Kindes. Der Nachteilsausgleich ist ein Instrument der Schulleitung, das dein Kind in die Lage versetzt, unter fairen Bedingungen zu lernen und seine Leistungen zu zeigen – ohne dass die Anforderungen gesenkt werden.
In diesem Artikel erklären wir dir Schritt für Schritt, wie du einen Nachteilsausgleich für dein ADHS-Kind beantragst, welche Maßnahmen möglich sind und wie du den Antrag konkret formulierst.
Was ist ein Nachteilsausgleich eigentlich?
Ein Nachteilsausgleich ist eine Anpassung der Arbeitsbedingungen – nicht der Bewertung. Das ist ein wichtiger Unterschied, den viele Eltern (und leider auch manche Schulen) verwechseln.
Nachteilsausgleich verändert den PROZESS:
- Dein Kind bekommt mehr Zeit für Arbeiten
- Dein Kind sitzt in einem ruhigen Raum ohne Ablenkung
- Dein Kind darf sich bewegen und Pausen machen
- Dein Kind nutzt ein Laptop statt per Hand zu schreiben
Die Bewertung bleibt gleich:
Dein Kind erhält die gleichen Noten wie alle anderen. Die Noten spiegeln wider, was dein Kind geleistet hat – nur eben unter fairen Bedingungen. Der Nachteilsausgleich wird nicht im Zeugnis vermerkt.
Das Ziel ist klar: Dein Kind soll die gleichen fairen Chancen haben wie andere Schüler auch – nicht um bevorzugt zu werden, sondern um nicht benachteiligt zu werden.
Nachteilsausgleich vs. Notenschutz – wo ist der Unterschied?
Diese beiden Begriffe werden häufig verwechselt. Hier die Klarstellung:
| Aspekt | Nachteilsausgleich | Notenschutz |
|---|---|---|
| Was wird verändert? | Arbeitsbedingungen (Prozess) | Bewertungsmaßstäbe (Ergebnis) |
| Beispiel | 25% Zeitverlängerung | Rechtschreibung wird nicht bewertet |
| Sichtbar im Zeugnis? | Nein | Ja (wird vermerkt) |
| Schulleistung wird beurteilt? | Ja, nach gleichen Maßstäben | Nein, in diesem Fach teilweise anders |
| Für wen? | ADHS, körperliche Beeinträchtigung | Legasthenie, Dyskalkulie, Sinnesbeeinträchtigung |
INFO: In vielen Bundesländern können bei ADHS beide beantragt werden. Eine Kombination ist oft sinnvoll, z.B. Nachteilsausgleich (mehr Zeit) + kein Notenschutz (gleiche Benotung). Informiere dich bei deiner zuständigen Schulbehörde, was in deinem Bundesland möglich ist.
Die rechtliche Grundlage: Hat dein Kind Anspruch darauf?
Der Anspruch auf Nachteilsausgleich ist in Deutschland rechtlich verankert:
Schulgesetze der Bundesländer: Jedes Bundesland hat in seinem Schulgesetz Regelungen zum Nachteilsausgleich. Diese sind unterschiedlich, daher ist es sinnvoll, sich bei deiner zuständigen Behörde oder über die Übersicht der Kultusminister Konferenz zu informieren.
UN-Behindertenrechtskonvention: Deutschland hat sich international verpflichtet, Menschen mit Behinderungen (dazu zählt ADHS) nicht zu diskriminieren und ihre Rechte auf Bildung und Inklusion zu sichern.
Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG): Dieses Gesetz verbietet Diskriminierung – auch von Kindern mit diagnostizierten Entwicklungsstörungen.
Bedeutung: Das ist nicht eine Kulanz oder Großzügigkeit der Schule, die sie dir schenkt. Das ist dein Recht. Du beantragst etwas, das deinem Kind zusteht.
Diese rechtliche Sicherheit ist wichtig zu kennen: Falls die Schule Bedenken äußert oder ablehnt, weißt du, auf welcher Grundlage du beharrlich bleiben kannst.
Schritt-für-Schritt Nachteilsausgleich beantragen
Schritt 1: Sammle deine Unterlagen
Bevor du den Antrag formulierst, musst du die richtigen Dokumente zusammentragen. Das sind deine Beweisstücke für die Berechtigung des Antrags:
Ärztliche Unterlagen
- Ärztlicher Befundbericht oder Arztbrief mit der ADHS-Diagnose (vom Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderarzt oder Psychologen)
- Idealerweise: Ein Bericht, der aufzeigt, welche Symptome vorliegen und wie diese sich auf schulisches Lernen auswirken
- Falls vorhanden: Psychologische Testberichte wie Intelligenztests, Aufmerksamkeitstest
Schulische Unterlagen
- Zeugnisse der letzten 1-2 Jahre
- Berichte von Lehrern über Beobachtungen im Unterricht (Unaufmerksamkeit, Impulsivität, motorische Unruhe)
- Falls vorhanden: Berichte von Schulpsychologen oder Sozialarbeitern der Schule
Deine Dokumentation
- Deine Notizen über Beobachtungen deines ADHS-Kindes: wann sind die Schwierigkeiten besonders groß? In welchen Fächern? Bei welchen Aufgabentypen?
Tipp: Alle diese Unterlagen machst du dir in Kopie zurecht. Du benötigst sie für das Gespräch mit der Schulleitung und als Beilage zum Antrag.
Schritt 2: Führe ein Gespräch mit der Schulleitung (oder Klassenlehrer)
Bevor du formal einen Antrag einreichst, ist ein persönliches Gespräch extrem wertvoll. Hier kannst du:
- Die Schulleitung persönlich über die ADHS-Diagnose informieren
- Erklären, warum der Nachteilsausgleich notwendig ist
- Ein Vertrauensverhältnis aufbauen
- Abfragen, welche Maßnahmen in dieser Schule praktikabel sind
Wie bereitest du dich auf dieses Gespräch vor?
1. Mache einen Termin aus
„Ich habe ein wichtiges Anliegen bezüglich meines Kindes und würde gerne einen Termin mit dir/der Schulleitung ausmachen.“
2. Bereite deine Botschaft vor
Notiere in Stichpunkten, was du sagen möchtest – das gibt dir Sicherheit im Gespräch.
3. Bring deine Unterlagen mit
Der Befundbericht sollte vorliegen.
4. Erkläre, was ADHS bedeutet
Viele Lehrer wissen weniger über ADHS, als man denkt. Nutze einfache Worte: „ADHS ist eine neurologische Besonderheit, die sich auf die Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsregulation auswirkt. Das ist nicht das Resultat von schlechter Erziehung oder Faulheit – es ist neurobiologisch bedingt.“
5. Formuliere konkrete Beobachtungen
„Mein Kind hat Schwierigkeiten, 45 Minuten konzentriert im Unterricht zu sitzen. Es braucht Bewegungspausen.“ Nicht: „Mein Kind ist einfach zu zappelig.“
6. Signalisiere Partnerschaft
„Ich möchte mit dir zusammenarbeiten, nicht gegen dich. Was brauchst du von mir, um dies umzusetzen?“
Das ist das Ziel dieses Gesprächs: Du möchtest, dass die Schulleitung versteht, was ADHS ist, und bereit wird, über Maßnahmen nachzudenken. Im besten Fall gibt sie dir schon erste Zusagen.
Schritt 3: Formuliere den schriftlichen Antrag
Nach dem Gespräch – oder falls die Schulleitung sich abweisend zeigt, auch direkt – reichst du einen schriftlichen Antrag ein. Dieses Schriftliche ist wichtig für die Dokumentation!
An wen richtest du den Antrag?
Je nach Bundesland und Schulform: an die Schulleitung, den Schulleiter oder die zuständige Schulbehörde (Schulamt, Regierungspräsidium). Im Zweifelsfall fragst du vorher nach: „An wen stelle ich den Antrag auf Nachteilsausgleich?“
Was muss der Antrag enthalten?
Der Antrag sollte folgende Punkte abdecken:
- Klare Identifikation: Name des Kindes, Klasse, Schule
- Diagnosis: Was wurde diagnostiziert? Von wem? Wann?
- Begründung: Wie wirkt sich ADHS auf das schulische Lernen deines Kindes aus? Konkrete Beispiele!
- Beantrage Maßnahmen: Welche konkreten Maßnahmen brauchst dein Kind? (Siehe nächster Abschnitt)
- Beilage: Befundbericht und ggfs. weitere medizinische Unterlagen
- Frist: Bis wann soll die Genehmigung erfolgen? (Realistische Frist: 2-4 Wochen)
Wichtig: Der Antrag sollte sachlich, respektvoll und professionell formuliert sein. Das ist nicht die richtige Stelle für Emotionalität oder Vorwürfe. Es geht darum, die Fakten darzulegen.
Schritt 4: Wähle konkrete Maßnahmen aus
Dies ist der Kern des Antrags: Welche Maßnahmen genau brauchst dein Kind?
Es gibt viele Optionen. Wähle nicht alle aus (das wirkt unglaubwürdig), sondern fokussiere dich auf 2-5 Maßnahmen, die für dein Kind wirklich relevant sind (und nicht für alle ADHS-Kinder gleichermaßen gelten).
Zeitliche Maßnahmen
- Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten und Tests (typisch: 10-25% mehr Zeit, also z.B. 60 Min. statt 45 Min.)
- Flexible Pausenregelungen (das Kind darf bei Bedarf kurze Bewegungspausen machen)
- Aufgaben in kleinere Portionen teilen mit Zwischenpausen
Räumliche/Umgebungsanpassungen
- Reizreduzierter Arbeitsplatz (separate, ruhige Raum für Arbeiten – z.B. bei Prüfungen)
- Sitzplatz in der Nähe des Lehrers (bessere Aufmerksamkeitslenkung, schnellere Hilfe)
- Rückzugsbereich/Ruheecke im Klassenzimmer
Prozessbezogene Maßnahmen
- Reduzierung des Aufgabenumfangs (weniger Aufgaben bei gleichem Schwierigkeitsgrad)
- Aufgaben strukturieren und visualisieren (Checklisten, kleinere Einheiten)
- Hausaufgabenheft-Kontrolle durch die Lehrkraft
Format-Maßnahmen
- Mündliche statt schriftliche Prüfungen (wenn der Fokus auf Schriftlichkeit liegt, nicht auf Verständnis)
- Nutzung technischer Hilfsmittel (Laptop statt per Hand schreiben, Aufnahmegerät, Tablet)
Tipp zur Auswahl: Sprich mit deinem Kind, mit den Lehrern und mit dem behandelnden Arzt. Was sind die größten Herausforderungen? Dort setzen die Maßnahmen an.
Formulierungsbeispiele für den Antrag:
- „Zeitverlängerung um 20% bei Klassenarbeiten und Tests, da unser Kind durch die motorische Unruhe mehr Zeit für die Konzentration braucht.“
- „Sitzplatz in der Nähe des Lehrerpults zur besseren Aufmerksamkeitslenkung.“
- „Erlaubnis für kurze Bewegungspausen (5-10 Min.) bei Bedarf, um die Konzentrationsfähigkeit zu regulieren.“
Jede Maßnahme sollte kurz begründet sein: Symptom → Maßnahme → Ziel.
📄 Muster-Nachteilsausgleich
Kostenlos zum Download
Wir haben einen ausführlichen Musterbrief für dich erstellt, den du direkt nutzen und auf deine Situation anpassen kannst. Dieser Brief enthält:
✓ Eine professionelle Struktur
✓ Konkrete Textbausteine, die du übernehmen kannst
✓ Alle wichtigen Punkte, die ein Antrag enthalten sollte
✓ Checkboxen, um die Maßnahmen auszuwählen, die für dein Kind relevant sind
Häufige Fehler beim Antrag, die du vermeiden solltest
Fehler 1: Zu vage formulieren
❌ Falsch: „Mein Kind braucht mehr Unterstützung.“
✅ Richtig: „Unser Kind braucht Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten um 20 Minuten und einen reizarmen Platz, um die Arbeiten zu schreiben.“
Fehler 2: Zu viele Maßnahmen auf einmal fordern
❌ Falsch: Alle 10 möglichen Maßnahmen beantragen
✅ Richtig: 2-4 Maßnahmen wählen, die wirklich notwendig sind
Fehler 3: Zu emotional oder vorwurfsvoll schreiben
❌ Falsch: „Die Schule hat mein Kind bis jetzt nicht unterstützt und ignoriert seine Probleme!“
✅ Richtig: „Wir möchten gemeinsam mit der Schule Maßnahmen entwickeln, um unserem Kind faire Chancen zu geben.“
Fehler 4: Kein Befundbericht beifügen
❌ Falsch: Nur den Antrag einreichen, ohne medizinische Unterlagen
✅ Richtig: Befundbericht und ggfs. psychologische Gutachten mitschicken
Fehler 5: Antrag nicht schriftlich einreichen
❌ Falsch: Alles nur mündlich besprechen
✅ Richtig: Schriftlich einreichen, Empfangsbestätigung verlangen oder Einschreiben nutzen
Nach dem Antrag – was kommt jetzt?
Wartezeit: Die Schule sollte den Antrag auf Nachteilsausgleich innerhalb von 2-4 Wochen bearbeiten. Wenn länger nichts passiert, erinnere nett nach.
Genehmigung: Im besten Fall genehmigt die Schule den Antrag schriftlich und legt fest, welche Maßnahmen ab wann gelten.
Ablehnung: Falls die Schule ablehnt, kannst du:
- Ein Gespräch mit der Schulleitung führen und nachfragen, warum
- Die zuständige Schulbehörde einschalten
- Im Zweifelsfall rechtliche Beratung suchen
Evaluationstermin: Vereinbare mit der Schule einen Termin nach 6-8 Wochen, um zu schauen: Wirken die Maßnahmen? Braucht es Anpassungen?
Die wichtigsten Erfolgsfaktoren
Partnerschaft statt Konfrontation
Die beste Grundlage ist ein offenes Verhältnis zur Schule. Der erste Ansprechpartner ist oft die Klassenleitung oder der Schulleiter – nicht gleich die Schulbehörde.
Konkretheit statt Allgemeinplätze
Je präziser du formulierst, desto besser können Schulen die Maßnahmen umsetzen. Vage Anträge sind schwerer zu genehmigen.
Realismus statt Perfektionismus
Nicht alle Maßnahmen funktionieren in jeder Schule. Es geht um das, was praktisch umsetzbar ist und deinem Kind hilft.
Geduld und Ausdauer
Nachteilsausgleiche werden nicht über Nacht umgesetzt. Es braucht Zeit, Absprachen und Feinabstimmung. Das ist normal.
Regelmäßiger Austausch
Regelmäßige Gespräche mit Lehrern (z.B. alle 6 Wochen) helfen, die Maßnahmen anzupassen und Probleme früh zu erkennen.
Deine nächsten Schritte
Jetzt, wo du weißt, wie ein Antrag auf Nachteilsausgleich aussieht, kannst du dich mit unseren weiteren Ressourcen vertraut machen. In Step 7 der ADHS-Journey© erfährst du alles über ADHS in der Schule und lernst Strukturhilfen z.B. für Hausaufgaben kennen. Und wie immer gilt auch hier: Du bist nicht allein auf diesem Weg – wir unterstützen dich sehr gerne!
Der Nachteilsausgleich ist beantragt. Die nächsten Schritte:
Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).
