Dein Kind soll bei den Hausaufgaben sitzen – doch schon nach wenigen Minuten rutscht es auf dem Stuhl herum, klopft mit den Füßen, spielt mit dem Stift. Du fragst dich: Warum kann es nicht einfach stillsitzen? Die Antwort liegt in der Neurobiologie von ADHS. Dein Kind braucht Bewegung nicht aus Böswilligkeit – es braucht sie, um sein Gehirn zu regulieren.
Inhaltsverzeichnis
- Die neurobiologische Grundlage
- Hyperaktivität ist ein Symptom, kein willkürliches Verhalten
- Pausen als Regulationsinstrument
- Bewegungsarten: Was wirkt bei deinem Kind?
- Praktische Integration ins Alltagsgerüst
- Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest
Die neurobiologische Grundlage
Bei Kindern mit ADHS funktioniert die Regulation der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nicht optimal. Diese sind verantwortlich für Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle. Das führt zu einer klassischen Situation: Das Gehirn deines Kindes ist unteraromatisiert – es bekommt nicht genug „Input“, um sich reguliert zu fühlen.
Wenn dein Kind sich bewegt, erzeugt der Körper genau diese Botenstoffe. Bewegung ist also nicht einfach eine Ablenkung – sie ist ein Selbstregulationsmechanismus. Dein Kind versucht ständig, sein Gehirn in den optimalen Funktionszustand zu bringen. Das Zappeln, Wippen und Trommeln bei den Hausaufgaben – das sind Versuche, sich selbst „wach“ zu halten und zu konzentrieren. Das zu verstehen, hilft dir, das Verhalten weniger persönlich zu nehmen.
Hyperaktivität ist ein Symptom, kein willkürliches Verhalten
Viele Eltern sagen: „Wenn mein Kind nur wollte, könnte es stillsitzen.“ Das ist verständlich, aber leider nicht korrekt. Hyperaktivität ist bei ADHS kein willkürliches Verhalten – sie ist ein Symptom, das das Kind nicht einfach abschalten kann. Das ständige Zappeln, die Rastlosigkeit – dein Kind erlebt das genauso frustrierend wie du. Es möchte oft kooperieren, kann aber nicht anders, als sich zu bewegen.
Das hat wichtige Konsequenzen: Du kannst dein Kind für Hyperaktivität nicht „verantwortlich machen“ wie für bewusste Regelbrüche. Stattdessen geht es darum, das Bedürfnis nach Bewegung zu erkennen und konstruktiv damit umzugehen.
Pausen als Regulationsinstrument
Hier ist ein wichtiger Paradigmenwechsel: Pausen sind kein Privileg, das dein Kind sich verdienen muss. Sie sind ein Werkzeug zur Selbstregulation.
Dein Kind sitzt nicht zwei Stunden bei den Hausaufgaben und bekommt dann am Ende eine Pause als Belohnung. Stattdessen plant ihr regelmäßige, vorhersehbare Pausen ein – idealerweise alle 20–30 Minuten, je nach Alter und Fähigkeiten deines Kindes.
Diese Pausen haben mehrere Funktionen:
Sie unterbrechen die Überreizung
Wenn dein Kind zu lange in Konzentration erzwungen wird, wird sein Gehirn überlastet. Eine Pause gibt ihm die Chance, „runterzufahren“ und dann neu zu starten.
Sie ermöglichen Bewegung
In der Pause kann sich dein Kind bewegen – und genau das hilft seinem Gehirn, die notwendigen Botenstoffe zu produzieren.
Sie verbessern die Gesamtkonzentration
Mit regelmäßigen Pausen sind Hausaufgaben insgesamt schneller fertig – obwohl die Gesamtzeit länger ist. Mit Pausen konzentriert sich dein Kind wirklich; ohne Pausen kämpft es nur, den Motor in seinem Kopf zu stoppen.
Bewegungsarten: Was wirkt bei deinem Kind?
Nicht jede Bewegung ist gleich:
Intensive körperliche Aktivität
Laufen, Springen, Klettern, Toben. Intensive körperliche Aktivität wirkt am stärksten regulierend und erzeugt die meisten Botenstoffe.
Strukturierte Bewegung
Sport, Tanzen, Kampfsport. Strukturierte Bewegung kombiniert die regulierende Wirkung mit Struktur und Regeln.
Ruhigere Bewegung
Spaziergang, Schwimmen, Rad fahren. Ruhigere Bewegung ist ebenfalls wertvoll – besonders am Abend.
Fidget-Tools
Stressbälle, Zappelkissen, Fidget Spinner. Fidget-Tools können während konzentrierter Aktivitäten helfen.
Beobachte dein Kind: Was wirkt am besten? Es gibt kein Richtig oder Falsch – es kommt auf dein Kind an.
Praktische Integration ins Alltagsgerüst
Vor konzentrierten Aufgaben: Gib deinem Kind vor den Hausaufgaben eine intensive Bewegungspause. Das „tankt sein Gehirn auf“.
Regelmäßig eingeplante Pausen: Nutze einen Timer. Nach 20–30 Minuten Hausaufgaben: Pause. In dieser Pause: Bewegung. Das ist nicht verhandelbar – es ist Teil des Systems.
Nach der Schule: Viele Kinder kommen aus der Schule und brauchen zuerst intensive Bewegung, bevor sie für Hausaufgaben bereit sind. Das ist normal. Plane das ein.
Am Abend: Intensive Bewegung am späten Abend kann das Einschlafen erschweren. Nutze eher ruhigere Bewegung.
Sport und Hobbys als therapeutisches Werkzeug
Regelmäßiger Sport ist für ADHS-Kinder therapeutisch. Durch Sport bekommt dein Kind regelmäßig Bewegung und somit die notwendigen Botenstoffe und ist ein Ventil für überschüssige Energie. Nebenbei lernt es Regeln, Struktur und hat Erfolgserlebnisse.
Die beste Sportart ist diejenige, die dein Kind mag – ob Fußball, Kampfsport, Schwimmen, Tanzen oder Skateboarden. Wichtig: Es sollte regelmäßig sein (idealerweise 2–3x pro Woche) und deinem Kind Spaß machen. Es ist okay, verschiedene Sportarten auszuprobieren, bis du findest, was passt.
Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest
Fehler 1: Bewegung als Strafe entzieht
Wenn du Freispielzeit oder Bewegung wegnimmst, enziehst du genau das, das dein Kind am meisten braucht. Nutze stattdessen Bewegung als regulierendes Werkzeug.
Fehler 2: Zu lange Aufgabensegmente ohne Pausen
Wenn du erwartest, dass dein Kind zwei Stunden ununterbrochen sitzt, wirst du Kampf haben. Mit regelmäßigen Pausen geht alles leichter.
Fehler 3: Nur dann Bewegung erlauben, wenn Aufgaben fertig sind
Das ist zu spät. Die Bewegung hilft erst, wenn sie regelmäßig eingebaut ist – nicht als Reward am Ende.
Die Balance: Struktur UND Bewegungsfreiheit
Kinder mit ADHS brauchen beides: Struktur und Grenzen – UND ausreichend Raum für Bewegung. Das ist keine Entweder-Oder-Frage. Lies mehr hierzu in Step 8 der ADHS-Journey© – Der ADHS-Alltag daheim.
Struktur gibt deinem Kind Sicherheit und Orientierung. Bewegung gibt ihm die Möglichkeit, sein Gehirn zu regulieren. Beide zusammen schaffen den Raum, in dem dein Kind gedeihen kann. Praktisch bedeutet das: Klare Zeiten für Pausen (Struktur) + intensive Bewegung in diesen Pausen (Freiheit).
Zum Abschluss: Pausen und Bewegung sind keine Luxus
Es ist leicht, Pausen und Bewegung als „Zeit, die man verlieren“ zu sehen – als wäre dein Kind produktiver, wenn es durchgehend sitzt und arbeitet. Das ist das Gegenteil der Wahrheit.
Pausen und Bewegung sind nicht das Gegenteil von Produktivität – sie sind die Grundlage für Produktivität.
Mit regelmäßigen Pausen und ausreichend Bewegung wird dein Kind konzentrierter, arbeitswilliger und ausgeglichener sein. Das ist das Paradox, das viele Eltern entdecken: Mit Pausen geht mehr, nicht weniger.
Dein Kind ist nicht „faul“ oder „undiszipliniert“, wenn es sich bewegen muss. Es ist intelligent – sein Gehirn versucht, sich selbst zu regulieren. Deine Aufgabe ist, diesen Prozess zu verstehen, zu unterstützen und in den Alltag zu integrieren. Mit etwas Geduld und Struktur wirst du merken: Es funktioniert. Und es macht das Zusammenleben leichter – für dich und für dein Kind.
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Wichtiger Hinweis: Diese Website dient ausschließlich der Information und Aufklärung. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes wende dich bitte immer an qualifizierte Fachkräfte (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten).
